Erschienen in : Kendo World Magazine 2.4 2004
Autor: Steven Harwood
Übersetzung: Stefan Alpers
Veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis des Kendo World Magazine
Atemkontrolle bei Seme-ai
Bisher habe ich die Rolle der Atemkontrolle im Kontext von Suburi und einfachen Partnerübungen untersucht – Situationen, in denen man zwar einen anderen Kendoka schlägt, dieser jedoch nicht zurückschlägt oder versucht, die eigene Technik zu zerstören. Wir haben gesehen, dass Atemkontrolle in diesem Zusammenhang aufgrund ihrer Verknüpfung mit dem eigenen psychologischen und physiologischen Zustand von zentraler Bedeutung ist. Als Kampfkunst bedeutet Kendo jedoch letztlich das Kämpfen gegen einen Gegner – sei es im Ji-geiko (freies Üben) oder im Shiai – und das Überwinden der körperlichen wie mentalen Belastungen, die dabei entstehen. Das wechselseitige Spiel von Angriff und Verteidigung, das beidseitige Ausloten von Schwächen und Lücken, wird im Kendo als Seme-ai bezeichnet. In diesem Zusammenhang möchte ich in dieser Ausgabe die Atemtechnik im Kamae und beim Ausrufen erneut betrachten.
Kamae bei Seme-ai
Wenn man einem Gegner erstmals im Ji-geiko oder Shiai gegenübersteht, ist eine der größten Herausforderungen, die eigene Haltung und das Kamae aufrechtzuerhalten, um dem Gegner keine Angriffsgelegenheit – ein Suki – zu bieten. Da psychologischer und körperlicher Zustand zwei Seiten derselben Medaille sind, wirkt sich jeder Fehler in Haltung oder innerer Einstellung sowohl auf die körperliche als auch auf die geistige Fähigkeit aus, Kendo zu machen. Mit anderen Worten: Wer abgelenkt oder ängstlich ist, wird dies in einer Veränderung seiner Haltung zeigen. Umgekehrt verrät ein Fehler im körperlichen Kamae – dem Mi-gamae – einen Mangel an geistiger oder mentaler Bereitschaft zum Schlagen oder zur Antwort auf einen Angriff: einen Fehler im eigenen Kokoro-gamae.
Oya Minoru nimmt zur Verbindung zwischen Geist und Seele im Kamae folgendermaßen Stellung:
„Im Seme-ai tendiert der Atem dazu, aufzusteigen – man muss ihn daher mit der linken Hand in den Unterbauch zurückdrücken. Umgekehrt gilt: Wenn die linke Hand ziellos umherwandert, wird auch der Geist ins Schwanken geraten und der Atem aufsteigen, was dem Gegner eine körperliche Lücke offenbart.“i
Oya verwendet hier den Ausdruck „Atem steigt“ (iki ga agaru), der in der Alltagssprache selten vorkommt, im Kendo-Kontext jedoch häufig benutzt wird, um jenen Zustand zu beschreiben, in dem die Atmung von der Zwerchfellatmung zur Oberkörperatmung aufsteigt. Der Ausdruck schwingt zugleich mit, dass der Atem abgehackt wird und man in einen erregten, verwirrten Gemütszustand gerät. In Oyas Anweisung, den Atem am Aufsteigen zu hindern, indem man ihn mit der linken Hand herunterdrückt, lässt sich daher nicht nur die Beziehung zwischen Körperhaltung und Atmung erkennen, sondern auch die umfassendere Verknüpfung von Haltung, Atmung und psychologischem Zustand. Zwerchfellatmung spielt also auch auf dieser kämpferischen Stufe des Kendo-Trainings eine wesentliche Rolle bei der Erhaltung sowohl psychologischer als auch körperlicher Stabilität.
Ausrufen bei Seme-ai
Anders als in den Grundübungen, wo das Ausrufen allein den eigenen Schlag beeinflusst, erstreckt sich die Wirkung des Kiai beim Eintritt in diese Phase des Kendo-Trainings auch auf den Gegner. Horigome Keizo (Hanshi 9. Dan) fasst die Wirkungen des Ausrufens im Seme-ai wie folgt zusammen:ii
- Stärkt den Geist.
- Befreit von Ablenkungen.
- Erzeugt innere Distanz und ermöglicht die Vereinigung von Seele, Geist und Technik.
- Schüchtert den Gegner ein.
- Schärft den Schlag.
In dieser Aufzählung fällt die Gewichtung des psychologischen Effekts des Kiai ins Auge – namentlich die Schärfung von Konzentration und Aufmerksamkeit. Darüber hinaus lässt sich in Horigomes Liste eine Verbindung zwischen dem Ausrufen und der bereits erörterten Notwendigkeit erkennen, den Unterbauch anzuspannen, um den physiologischen Zustand des Jitsu zu erhalten, aus dem heraus man jederzeit eine Technik ausführen kann. Insbesondere der erste Punkt – „Stärkt den Geist“ – ist der psychologische Partner der physiologischen Bereitschaft und mündet in jenen ganzheitlichen Zustand des Jitsu, in dem psychologische und körperliche Elemente sich vereinen.iii
Phonetik bei Seme-ai
Im freien Üben und im Shiai ist es üblich, dass beide Kontrahenten unmittelbar nach dem Aufrichten aus dem Sonkyo Kiai machen – dieses Ausrufen vor dem Schlag wird als Kakegoe bezeichnet (wörtlich: „die Stimme ausdehnen“). Im modernen Kendo ist der Laut des Kakegoe nicht festgelegt; am gebräuchlichsten ist jedoch „Yah!“ – ein Kiai, der, wie wir bei der Untersuchung der Phonetik des Ausrufens gesehen haben, den Unterbauch vergleichsweise wenig stärkt. Dies erscheint jedoch zweckmäßig: Im freien Üben muss man sich jederzeit frei bewegen können und sofort auf eine Öffnung des Gegners schlagen oder auf seine Initiative reagieren können. Ein Kiai wie „Toh!“, der zwar im Moment der Technikausführung die größte Kraft erzeugt, aber den Nachteil hat, den Unterbauch kurzzeitig anzuspannen und damit die freie Bewegung zu erschweren, eignet sich daher nicht als Eröffnungsruf. Der Effekt von „Yah!“ besteht in atemtechnischer Hinsicht darin, durch partielles Ausatmen den Unterbauch anzuspannen und einen starken physiologischen Zustand zu erreichen – die Fähigkeit, ohne vorheriges Einatmen schlagen zu können.iv
Es gibt freilich Möglichkeiten, das Ausrufen je nach Situation anzupassen. Takano Sasaburo schrieb dazu:
„Kakegoe sollte auf natürliche Weise entstehen – doch es gibt Situationen, in denen es nicht gleichzeitig mit der Bewegung auftritt. Es kann der Bewegung vorangehen, ihr folgen oder gänzlich zurückgehalten werden.“v
Takano beschrieb darüber hinaus „drei Stimmen“: Iyah!, Eii! und Toh!:
„Iyah! ist geeignet, das eigene Blut zum Kochen zu bringen – es demonstriert die Vollkommenheit körperlicher Bereitschaft, unterbricht den Geist des Gegners und ermöglicht es, mit der Stimme die Initiative zu ergreifen.“vi
In der „Vollkommenheit der Bereitschaft“ erkennen wir den Bezug zum Konzept des Jitsu, bei dem das Ausrufen den Unterbauch anspannt. Das „Yah!“ des modernen Kendo entspricht in seiner Funktion Takanos „Iyah!“ – in beiden Fällen wird das Ausrufen eingesetzt, um das eigene körperliche Kamae zu stärken, während man den Gegner herausfordert, und den eigenen Geist zu festigen, während man den des Gegners zu überwältigen sucht.
Takanos Eii! beschreibt er als jenes Ausrufen, mit dem man „dem Gegner mit voller Überzeugung gegenübertritt, sich selbstsicher bewegt und ihn bedroht“. Wie bereits erörtert, gilt das „e“ als Laut, bei dem der Unterbauch vergleichsweise stark angespannt ist – dieser Kiai eignet sich daher besonders für jene Situation, in der man mit dem Gegner die Shinai gekreuzt hat und sowohl körperlich als auch mental jederzeit zum Schlagen bereit sein muss.
Takanos Toh! schließlich beschreibt er als Kiai zum Blocken einer Technik oder zu deren Niederschlagen (Kiri-otoshi) – also für jene Situationen, in denen man seine gesamte Kraft in den Schlag legt. Da das moderne Kendo das Benennen der Zielfläche beim Schlagen vorschreibt, entspricht dies nicht unmittelbar Takanos Lehre; gleichwohl ist sein Toh!-Kiai noch in der Kendo-Kata erhalten, wo es von Shidachi (der siegreichen Seite) verwendet wird. Auf die Atemkontrolle in der Kendo-Kata werde ich in einer späteren Ausgabe eingehen.
Stimmloses Keiko
Wir haben gesehen, dass das Ausrufen vor dem Schlag – sei es das „Yah!“ des modernen Kendo oder Takanos „Iyah!“ und „Eii!“ – vielfältige körperliche und psychologische Wirkungen entfaltet. Dennoch gibt es hochrangige Übende, die in ihren späteren Kendo-Jahren auf das Ausrufen während des Trainings gänzlich verzichten. Ishihara Tadami (Hanshi 9. Dan) erläuterte sein „stimmloses Keiko“ so:
„Ich habe allein durch Kakegoe Schweiß vergossen – habe Energie verbraucht. So kam ich auf den Gedanken, dass ich, wenn ich damit aufhörte, eine Energiereserve aufbauen könnte.“vii
Horigome Hanshi greift dieses Thema ebenfalls auf und stellt fest, dass viele hochrangige Übende das Ausrufen mit zunehmendem Alter einstellen. Er erklärt jedoch, dass dies nur deshalb wirksam ist, weil alle Vorteile, die ein Anfänger durch lautes Kiai erlangt, im Kendo dieser Übenden bereits verinnerlicht sind.viii Mit anderen Worten: Hochrangige Übende erzielen durch das Anspannen des Unterbauchs und korrekte Atemtechnik dieselben psychologischen und körperlichen Wirkungen, die ein Übender auf niedrigerem Niveau durch das Ausrufen erreicht. Der Umstand, dass hochrangige Übende auf das Ausrufen verzichten können, verweist damit umgekehrt auf dessen Bedeutung für Übende auf mittlerem und unterem Niveau, um jene Wirkungen zu erzielen.
In dieser Ausgabe habe ich begonnen, die Atemkontrolle beim freien Üben zu analysieren. In der nächsten Ausgabe werde ich weiter untersuchen, wie Atemkontrolle in dieser dynamischeren Umgebung eingesetzt wird – und dabei insbesondere ihre Rolle bei der Ausführung eines gültigen Schlages beleuchten.
i Kendo ni Okeru Kokyūhō no Shomondai, S. 22 (Übersetzung von Steven Harwood).
ii „Shijō Kōwa“, Fortsetzungsinterview in: Kendo Jidai, November 1998, S. 47 (Übersetzung von Steven Harwood).
iii Shin-ki-ryoku-itchi.
iv Ein Zustand des Tameki.
v Takano Sasaburo, Kendo, S. 122 (Übersetzung von Steven Harwood).
vi Takano Sasaburo, Kendo, S. 123 (Übersetzung von Steven Harwood).
vii Kendo Jidai, November 1998, S. 43.
viii Kendo Jidai, November 1998, S. 47.