Die Rolle der Atemkontrolle im Kendo (IX)

Erschienen in : Kendo World Magazine 3.1 2004
Autor: Steven Harwood
Übersetzung: Stefan Alpers
Veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis des Kendo World Magazine

In dieser Ausgabe setze ich die Untersuchung der Rolle der Atemkontrolle beim freien Üben fort – mit einem Blick auf das grundlegende Atmungsschema vor und während der Schlagausführung sowie auf die Bedeutung der Atemkontrolle im Kontext des gültigen Schlages (Yūkō Datotsu).

Grundlegendes Atmungsschema beim freien Üben

Das Schlagen und Stechen beim freien Üben im Kendo erfordert ein Atmungsschema, das dem Übenden erlaubt, jederzeit auf Bedrohungen und Gelegenheiten zu reagieren, die der Gegner bietet. Ein solches Schema muss leicht und fließend sein und wird auf vielfältige Weise angepasst, wenn das Shinai des Gegners als Antwort auf sein Seme geblockt, weggefegt oder festgehalten wird. Mitsuhashi beschreibt die Merkmale korrekter Atmung beim freien Üben folgendermaßen:

„Das Wesentliche ist sicherzustellen, dass der Übergang vom Einatmen zum Ausatmen und umgekehrt äußerst sanft erfolgt. Gleichzeitig darf man keine großen Atemzüge machen, sondern den Atem gleichsam schlucken, um sicherzustellen, dass stets genug Luft in den Lungen ist, um jederzeit einen Schlag ausführen zu können.“i

Mitsuhashi betont hier – wie bereits bei seiner grundlegenden Schlagausführungstheorie Ichi-byoshiii –, dass der Wechselpunkt zwischen Ein- und Ausatmen, also der Übergang vom Zustand des Kyo in den Zustand des Jitsu, für den Gegner nicht wahrnehmbar sein sollte. Auf dieser Stufe des freien Übens – anders als in Übungsformen wie Kakari-geiko, wo der Übende so viele Schläge hintereinander ohne Einatmen ausführt, bis der Atem vollständig verbraucht ist – muss der Übende seine Atmung so steuern, dass er jederzeit in der Lage ist, zu schlagen oder zu blocken.

Schlagausführung beim freien Üben

Wie wir gesehen haben, folgt das grundlegende Atmungsschema beim Suburi dem Muster Einatmen beim Ausholen – Ausatmen beim Herabschwingen – Anhalten beim Auftreffen. Dieses einfache Schema, das auf maximale Energie beim Schlagaufprall abzielt, gilt grundsätzlich auch für das freie Üben im Kendo. Anders als beim Uchikomi-geiko, wo Gelegenheiten, die dem Gegner in der schwachen Kyo-Phase des Atemschemas geboten werden, nicht genutzt werden, besteht beim freien Üben jedoch die Gefahr, beim Einatmen getroffen zu werden. Dies hat dazu geführt, dass verschiedene hochrangige Lehrer empfehlen, ohne vollständiges Ausatmen zu schlagen – was die Anzahl möglicher Schläge vor dem nächsten Einatmen maximiert und die dem Gegner gebotenen Angriffsgelegenheiten reduziert. Darauf werde ich später noch eingehen.

Gleichwohl gibt es wissenschaftliche Untersuchungen, die zeigen, dass das Atemverhalten bei der Technikausführung im freien Üben – und insbesondere im Shiai – nicht immer mit dem grundlegenden Atmungsschema übereinstimmt. Professor Edo Kokichi von der Universität Kanazawa beobachtete in Experimenten die Atmung von Kendo-Studenten der Sporterziehung während Übungs-Shiai. Die erhobenen Daten zeigten, dass es bei der im Shiai typischen, äußerst schnellen Technikausführung – insbesondere bei Techniken mit vergleichsweise kleinen Bewegungen wie Kote – kaum Hinweise auf ein Ausatmen während des Schlages gab; Schläge wurden mit angehaltenem Atem oder sogar beim Einatmen ausgeführt. Bei der Analyse der als gültig gewerteten Schläge stellte sich ferner heraus, dass viele davon während der Einatmungsphase ausgeführt wurden. Edo interpretierte diese Daten wie folgt:

„In Sportarten wie Kendo, wo der Kampf in einem Wimpernschlag entschieden wird, muss man maximale Energie in kürzester Zeit einsetzen – daher kulminieren als gültig gewertete Techniken häufig in der Einatmungsphase.“iii

Es erscheint mir plausibel, dass ein Übender in der Lage sein mag, seine Atmung bei einer Kendo-Kata-Geschwindigkeit bewusst zu kontrollieren – beim unmittelbaren Reagieren auf die Bewegungen eines Gegners im modernen Shiai ist das jedoch eine ganz andere Sache. In der Tat scheint es dort nicht einmal nötig zu sein, wenn das einzige Ziel des Übenden darin besteht, einen Punkt zu erzielen. Edos Ergebnisse deuten für mich auf eine Tendenz im modernen Universitätskendo zu schnellen, oberflächlichen Techniken hin, deren einziger Zweck die Punkteerzielung im Shiai ist und die sich technisch weit von Kendos ursprünglichen Schwert-Schneideaktionen entfernt haben. Der Umstand, dass Techniken nicht mehr auf maximale Energie beim Schlagaufprall ausgelegt sind, veranschaulicht, dass das moderne Kendo – zumindest auf Universitätsniveau – zunehmend wettkampforientiert ist, auf Kosten seiner Verwurzelung in der kriegerischen Kultur. Mit anderen Worten: Edos Untersuchungen zeigen, was Kendo auf dieser Ebene geworden ist – nicht, was es sein sollte.

Gültige Schläge und Zwerchfellatmung

Im Verlauf meiner Untersuchung zur Atemkontrolle im Kendo habe ich wiederholt auf die Rolle der Zwerchfellatmung hingewiesen und darauf, dass diese Atemkontrollmethode in vielen Bereichen des Kendo auf unterschiedlichen Trainingsstufen anzutreffen ist. Ich denke, dass die Definition des gültigen Schlages (Yūkō Datotsu) die durchgängige Bedeutung der Zwerchfellatmung im Kendo treffend veranschaulicht. Für den Shiai ist ein gültiger Schlag folgendermaßen definiert:

„Ein mit voller Entschlossenheit und korrekter Körperhaltung (composed) ausgeführter Schlag, der einen vorgesehenen Trefferpunkt mit dem korrekten Teil des Shinai trifft, gefolgt von einem korrekten Nachführen des Schlages.“

Analysiert man die Elemente dieser Definition unter dem Gesichtspunkt der Atemkontrolle, ergibt sich Folgendes:

Ein wesentliches Element der „vollen Entschlossenheit“ – und zugleich jenes, das dem Shiai-Schiedsrichter am deutlichsten demonstriert werden muss – ist das Ausrufen, der Kiai. Wie wir gesehen haben, ist Kiai kein bedeutungsloser Schrei, sondern eine besondere Form des Ausatmens, die den Unterbauch stärkt und die Hüften in den Schlag einbezieht. Daraus ergibt sich eine enge Verbindung zwischen dem gültigen Schlag und der Zwerchfellatmung. Ishihara Tadami bringt dies auf den Punkt:

„Ausatmung erzeugt den gültigen Schlag – und da dieses Ausatmen durch das Ausrufen hervorgebracht wird, ist Kiai ein wesentlicher Bestandteil der Atemtechnik.“iv

Die für den gültigen Schlag geforderte „korrekte“ Haltung entspricht jener in vielen traditionellen japanischen Bewegungskünsten verbreiteten Haltung, die den Unterkörper gegenüber dem Oberkörper betont (Jokyo Kajitsu). In dieser Haltung fungiert das Tanden – der im Unterbauch gelegene Energiemittelpunkt – als Schwerpunkt nicht nur für Körper- und Fußbewegung, sondern für die Schlagausführung als Ganzes. Da die Rolle des Tanden untrennbar mit der Zwerchfellatmung verbunden ist, sind auch „korrekte Haltung“ im Kendo und Zwerchfellatmung eng miteinander verknüpft. Narazaki Masahiko (Hanshi 9. Dan) verdeutlicht den Zusammenhang zwischen voller Entschlossenheit und korrekter Haltung und unterstreicht die zentrale Rolle, die Zwerchfellatmung in beidem spielt:

„Die Definition des gültigen Schlages fordert, Kendo mit ‚voller Entschlossenheit‘ auszuführen – doch dieser Satz ist etwas abstrakt und schwer zu fassen. Um dies praktisch zu verwirklichen, heißt es, man müsse den Unterbauch stärken und die Atmung entwickeln – das Tanden aufbauen, bevor man ein Shinai in die Hand nimmt. Wer das tut, dem werden Hüften und Beine stabil – und er wird wahres Kendo machen.“v

Ein weiteres Element der Definition des gültigen Schlages ist Zanshin – jenen Begriff, den ich oben mit „composed“ wiedergegeben habe. Zanshin im Zusammenhang mit gültigen Schlägen wird im ZNKR-Wörterbuch als das Aufrechterhalten eines Zustandes von Aufmerksamkeit und Wachheit nach dem Schlag, für den Fall einer Gegenattacke des Gegners, definiert. Um sowohl die körperliche Fassung (Mi-gamae) als auch die geistige Fassung (Kokoro-gamae) zu bewahren, die nötig sind, um unmittelbar auf die Bewegungen des Gegners nach dem Schlag reagieren zu können, ist es wesentlich, dass die Atmung gleichmäßig und ruhig bleibt. Watanabe Shigeo schreibt zur Verbindung zwischen Zanshin und Atmung:

„Atmung spielt eine äußerst wichtige Rolle beim Ausdrücken von Zanshin gegenüber dem Gegner nach einem Schlag. Man darf die Atmung niemals abreißen lassen oder zulassen, dass Wille und körperliche Kraft nach dem Schlagen nachlassen. Man muss stets in der Lage sein, gleichmäßig zu atmen und dem Gegner mit Kraft zu begegnen.“vi

Mitsuhashi Shuzo erläutert in konkreten Begriffen die Atemmethode, die zum Erreichen von Zanshin erforderlich ist, und verdeutlicht zugleich den Zusammenhang zwischen körperlicher und geistiger Fassung:

„Um Zanshin zu erreichen, ist es vor allem wichtig, sich unmittelbar nach dem Schlag sowohl körperlich als auch geistig zu entspannen. Wenn man beim Auftreffen den Atem angehalten hat, sollte man üben, sofort danach zur normalen Atmung – also zum Einatmen – zurückzukehren.“vii

Mit den obigen drei Punkten habe ich gezeigt, dass Kendos Atemmethode in drei wesentlichen Elementen der Definition des gültigen Schlages eine zentrale Rolle spielt. Alle drei Elemente enthalten – über die offensichtliche äußere Frage hinaus, ob ein Schlag körperlich getroffen hat – ein inneres psychologisches Element. Und ich vertrete die These, dass Atemkontrolle eine Schlüsselrolle bei der Vereinigung dieser äußeren und inneren Elemente im gesamten Kendo-Training spielt. Auf diesen Punkt werde ich in späteren Ausgaben ausführlicher eingehen.

In dieser Ausgabe habe ich die Rolle der Atemkontrolle bei der Technikausführung im freien Üben und im Shiai untersucht. In der nächsten Ausgabe werde ich weiter betrachten, wie das Verständnis von Atmung von hochrangigen Übenden im freien Üben und im Shiai taktisch eingesetzt werden kann.


i Mitsuhashi Shuzo, Fudōchi (Unmoveable Mind – The teachings of Mitsuhashi Shuzo), S. 142 (Übersetzung von Steven Harwood).

ii Siehe Ausgabe 4.

iii Kokyūhō de Kendo ga Kawaru, Kendo Japan Weekly Special Edition, Oktober 1992, S. 36–39 (Übersetzung von Steven Harwood).

iv Kendo Jidai, Dezember 1998, S. 36.

v Kokyūhō de Kendo ga Kawaru, Kendo Japan Weekly Special Edition, Oktober 1992, S. 33 (Übersetzung von Steven Harwood).

vi Watanabe Shigeo, Kendo no Rekishi to Tetsugaku, S. 25–26 (Übersetzung von Steven Harwood).

vii Mitsuhashi Shuzo, Fudōchi (Unmoveable Mind – The teachings of Mitsuhashi Shuzo), S. 147.

Die Rolle der Atemkontrolle im Kendo (VIII)

Erschienen in : Kendo World Magazine 2.4 2004
Autor: Steven Harwood
Übersetzung: Stefan Alpers
Veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis des Kendo World Magazine

Atemkontrolle bei Seme-ai

Bisher habe ich die Rolle der Atemkontrolle im Kontext von Suburi und einfachen Partnerübungen untersucht – Situationen, in denen man zwar einen anderen Kendoka schlägt, dieser jedoch nicht zurückschlägt oder versucht, die eigene Technik zu zerstören. Wir haben gesehen, dass Atemkontrolle in diesem Zusammenhang aufgrund ihrer Verknüpfung mit dem eigenen psychologischen und physiologischen Zustand von zentraler Bedeutung ist. Als Kampfkunst bedeutet Kendo jedoch letztlich das Kämpfen gegen einen Gegner – sei es im Ji-geiko (freies Üben) oder im Shiai – und das Überwinden der körperlichen wie mentalen Belastungen, die dabei entstehen. Das wechselseitige Spiel von Angriff und Verteidigung, das beidseitige Ausloten von Schwächen und Lücken, wird im Kendo als Seme-ai bezeichnet. In diesem Zusammenhang möchte ich in dieser Ausgabe die Atemtechnik im Kamae und beim Ausrufen erneut betrachten.

Kamae bei Seme-ai

Wenn man einem Gegner erstmals im Ji-geiko oder Shiai gegenübersteht, ist eine der größten Herausforderungen, die eigene Haltung und das Kamae aufrechtzuerhalten, um dem Gegner keine Angriffsgelegenheit – ein Suki – zu bieten. Da psychologischer und körperlicher Zustand zwei Seiten derselben Medaille sind, wirkt sich jeder Fehler in Haltung oder innerer Einstellung sowohl auf die körperliche als auch auf die geistige Fähigkeit aus, Kendo zu machen. Mit anderen Worten: Wer abgelenkt oder ängstlich ist, wird dies in einer Veränderung seiner Haltung zeigen. Umgekehrt verrät ein Fehler im körperlichen Kamae – dem Mi-gamae – einen Mangel an geistiger oder mentaler Bereitschaft zum Schlagen oder zur Antwort auf einen Angriff: einen Fehler im eigenen Kokoro-gamae.

Oya Minoru nimmt zur Verbindung zwischen Geist und Seele im Kamae folgendermaßen Stellung:

„Im Seme-ai tendiert der Atem dazu, aufzusteigen – man muss ihn daher mit der linken Hand in den Unterbauch zurückdrücken. Umgekehrt gilt: Wenn die linke Hand ziellos umherwandert, wird auch der Geist ins Schwanken geraten und der Atem aufsteigen, was dem Gegner eine körperliche Lücke offenbart.“i

Oya verwendet hier den Ausdruck „Atem steigt“ (iki ga agaru), der in der Alltagssprache selten vorkommt, im Kendo-Kontext jedoch häufig benutzt wird, um jenen Zustand zu beschreiben, in dem die Atmung von der Zwerchfellatmung zur Oberkörperatmung aufsteigt. Der Ausdruck schwingt zugleich mit, dass der Atem abgehackt wird und man in einen erregten, verwirrten Gemütszustand gerät. In Oyas Anweisung, den Atem am Aufsteigen zu hindern, indem man ihn mit der linken Hand herunterdrückt, lässt sich daher nicht nur die Beziehung zwischen Körperhaltung und Atmung erkennen, sondern auch die umfassendere Verknüpfung von Haltung, Atmung und psychologischem Zustand. Zwerchfellatmung spielt also auch auf dieser kämpferischen Stufe des Kendo-Trainings eine wesentliche Rolle bei der Erhaltung sowohl psychologischer als auch körperlicher Stabilität.

Ausrufen bei Seme-ai

Anders als in den Grundübungen, wo das Ausrufen allein den eigenen Schlag beeinflusst, erstreckt sich die Wirkung des Kiai beim Eintritt in diese Phase des Kendo-Trainings auch auf den Gegner. Horigome Keizo (Hanshi 9. Dan) fasst die Wirkungen des Ausrufens im Seme-ai wie folgt zusammen:ii

  1. Stärkt den Geist.
  2. Befreit von Ablenkungen.
  3. Erzeugt innere Distanz und ermöglicht die Vereinigung von Seele, Geist und Technik.
  4. Schüchtert den Gegner ein.
  5. Schärft den Schlag.

In dieser Aufzählung fällt die Gewichtung des psychologischen Effekts des Kiai ins Auge – namentlich die Schärfung von Konzentration und Aufmerksamkeit. Darüber hinaus lässt sich in Horigomes Liste eine Verbindung zwischen dem Ausrufen und der bereits erörterten Notwendigkeit erkennen, den Unterbauch anzuspannen, um den physiologischen Zustand des Jitsu zu erhalten, aus dem heraus man jederzeit eine Technik ausführen kann. Insbesondere der erste Punkt – „Stärkt den Geist“ – ist der psychologische Partner der physiologischen Bereitschaft und mündet in jenen ganzheitlichen Zustand des Jitsu, in dem psychologische und körperliche Elemente sich vereinen.iii

Phonetik bei Seme-ai

Im freien Üben und im Shiai ist es üblich, dass beide Kontrahenten unmittelbar nach dem Aufrichten aus dem Sonkyo Kiai machen – dieses Ausrufen vor dem Schlag wird als Kakegoe bezeichnet (wörtlich: „die Stimme ausdehnen“). Im modernen Kendo ist der Laut des Kakegoe nicht festgelegt; am gebräuchlichsten ist jedoch „Yah!“ – ein Kiai, der, wie wir bei der Untersuchung der Phonetik des Ausrufens gesehen haben, den Unterbauch vergleichsweise wenig stärkt. Dies erscheint jedoch zweckmäßig: Im freien Üben muss man sich jederzeit frei bewegen können und sofort auf eine Öffnung des Gegners schlagen oder auf seine Initiative reagieren können. Ein Kiai wie „Toh!“, der zwar im Moment der Technikausführung die größte Kraft erzeugt, aber den Nachteil hat, den Unterbauch kurzzeitig anzuspannen und damit die freie Bewegung zu erschweren, eignet sich daher nicht als Eröffnungsruf. Der Effekt von „Yah!“ besteht in atemtechnischer Hinsicht darin, durch partielles Ausatmen den Unterbauch anzuspannen und einen starken physiologischen Zustand zu erreichen – die Fähigkeit, ohne vorheriges Einatmen schlagen zu können.iv

Es gibt freilich Möglichkeiten, das Ausrufen je nach Situation anzupassen. Takano Sasaburo schrieb dazu:

„Kakegoe sollte auf natürliche Weise entstehen – doch es gibt Situationen, in denen es nicht gleichzeitig mit der Bewegung auftritt. Es kann der Bewegung vorangehen, ihr folgen oder gänzlich zurückgehalten werden.“v

Takano beschrieb darüber hinaus „drei Stimmen“: Iyah!Eii! und Toh!:

Iyah! ist geeignet, das eigene Blut zum Kochen zu bringen – es demonstriert die Vollkommenheit körperlicher Bereitschaft, unterbricht den Geist des Gegners und ermöglicht es, mit der Stimme die Initiative zu ergreifen.“vi

In der „Vollkommenheit der Bereitschaft“ erkennen wir den Bezug zum Konzept des Jitsu, bei dem das Ausrufen den Unterbauch anspannt. Das „Yah!“ des modernen Kendo entspricht in seiner Funktion Takanos „Iyah!“ – in beiden Fällen wird das Ausrufen eingesetzt, um das eigene körperliche Kamae zu stärken, während man den Gegner herausfordert, und den eigenen Geist zu festigen, während man den des Gegners zu überwältigen sucht.

Takanos Eii! beschreibt er als jenes Ausrufen, mit dem man „dem Gegner mit voller Überzeugung gegenübertritt, sich selbstsicher bewegt und ihn bedroht“. Wie bereits erörtert, gilt das „e“ als Laut, bei dem der Unterbauch vergleichsweise stark angespannt ist – dieser Kiai eignet sich daher besonders für jene Situation, in der man mit dem Gegner die Shinai gekreuzt hat und sowohl körperlich als auch mental jederzeit zum Schlagen bereit sein muss.

Takanos Toh! schließlich beschreibt er als Kiai zum Blocken einer Technik oder zu deren Niederschlagen (Kiri-otoshi) – also für jene Situationen, in denen man seine gesamte Kraft in den Schlag legt. Da das moderne Kendo das Benennen der Zielfläche beim Schlagen vorschreibt, entspricht dies nicht unmittelbar Takanos Lehre; gleichwohl ist sein Toh!-Kiai noch in der Kendo-Kata erhalten, wo es von Shidachi (der siegreichen Seite) verwendet wird. Auf die Atemkontrolle in der Kendo-Kata werde ich in einer späteren Ausgabe eingehen.

Stimmloses Keiko

Wir haben gesehen, dass das Ausrufen vor dem Schlag – sei es das „Yah!“ des modernen Kendo oder Takanos „Iyah!“ und „Eii!“ – vielfältige körperliche und psychologische Wirkungen entfaltet. Dennoch gibt es hochrangige Übende, die in ihren späteren Kendo-Jahren auf das Ausrufen während des Trainings gänzlich verzichten. Ishihara Tadami (Hanshi 9. Dan) erläuterte sein „stimmloses Keiko“ so:

„Ich habe allein durch Kakegoe Schweiß vergossen – habe Energie verbraucht. So kam ich auf den Gedanken, dass ich, wenn ich damit aufhörte, eine Energiereserve aufbauen könnte.“vii

Horigome Hanshi greift dieses Thema ebenfalls auf und stellt fest, dass viele hochrangige Übende das Ausrufen mit zunehmendem Alter einstellen. Er erklärt jedoch, dass dies nur deshalb wirksam ist, weil alle Vorteile, die ein Anfänger durch lautes Kiai erlangt, im Kendo dieser Übenden bereits verinnerlicht sind.viii Mit anderen Worten: Hochrangige Übende erzielen durch das Anspannen des Unterbauchs und korrekte Atemtechnik dieselben psychologischen und körperlichen Wirkungen, die ein Übender auf niedrigerem Niveau durch das Ausrufen erreicht. Der Umstand, dass hochrangige Übende auf das Ausrufen verzichten können, verweist damit umgekehrt auf dessen Bedeutung für Übende auf mittlerem und unterem Niveau, um jene Wirkungen zu erzielen.

In dieser Ausgabe habe ich begonnen, die Atemkontrolle beim freien Üben zu analysieren. In der nächsten Ausgabe werde ich weiter untersuchen, wie Atemkontrolle in dieser dynamischeren Umgebung eingesetzt wird – und dabei insbesondere ihre Rolle bei der Ausführung eines gültigen Schlages beleuchten.


i Kendo ni Okeru Kokyūhō no Shomondai, S. 22 (Übersetzung von Steven Harwood).

ii „Shijō Kōwa“, Fortsetzungsinterview in: Kendo Jidai, November 1998, S. 47 (Übersetzung von Steven Harwood).

iii Shin-ki-ryoku-itchi.

iv Ein Zustand des Tameki.

v Takano Sasaburo, Kendo, S. 122 (Übersetzung von Steven Harwood).

vi Takano Sasaburo, Kendo, S. 123 (Übersetzung von Steven Harwood).

vii Kendo Jidai, November 1998, S. 43.

viii Kendo Jidai, November 1998, S. 47.

Die Rolle der Atemkontrolle im Kendo (VII)

Erschienen in : Kendo World Magazine 2.3 2004
Autor: Steven Harwood
Übersetzung: Stefan Alpers
Veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis des Kendo World Magazine

In dieser Ausgabe möchte ich die Verbindung zwischen Ausrufen und Atemkontrolle im Kendo untersuchen. Außerhalb Japans wird das beim Kendo auftretende Ausrufen gemeinhin als Kiai bezeichnet; im Japanischen selbst wird es je nach Situation mit einer Reihe unterschiedlicher Begriffe bezeichnet, darunter Kiai, Kakegoe, Hassei und Koshō. Zwar bestehen offenkundige Parallelen zwischen Kendo und bestimmten modernen Sportarten wie Gewichtheben oder Speer- und Hammerwurf, in denen Ausrufen ebenfalls zur Krafterzeugung eingesetzt wird. Dennoch scheinen das bewusste Ausrufen vor der Technikausführung (Kakegoe) und das Benennen des Ziels im Moment des Schlages (Koshō) charakteristische Besonderheiten des Kendo zu sein. Da Kiai zudem Bestandteil eines gültigen Schlages ist, stellt das Ausrufen ein unverzichtbares Element der Kendo-Technik dar – eine Anforderung, die in den genannten modernen Sportarten in dieser Form nicht besteht.

Die Rolle des Ausrufens

Um die Verbindung zwischen Ausrufen und Atemkontrolle zu verstehen, muss zunächst die Rolle des Ausrufens selbst geklärt werden. Aus den Schriften Takano Sasaburos geht hervor, dass mit dem Ausrufen sowohl physiologische als auch psychologische Wirkungen angestrebt werden:

„Durch Ausrufen festigt man seinen Mut und verleiht den Schlägen Kraft; man schüchtert den Gegner ein und unterbindet seine Schwertbewegungen. Durch Ausrufen kann man das Bewusstsein schärfen und die geistige Kraft von Körper und Seele stärken.“i

Der kürzlich verstorbene Komorizono Masao (Hanshi 9. Dan, Professor an der Internationalen Budo-Universität) schreibt in ähnlichem Sinne:

„Ausrufen und die Entfaltung von Geist und Technik sind eng miteinander verbunden. Wer mit vollständig vereinter Seele, Geist und Technikii schlägt, wird ganz natürlich ausrufen. Ausrufen ist mit anderen Worten ein Kanal für geistige Energie … Durch Ausrufen lassen sich Seele, Geist und Technik vereinigen und vervielfachen.“iii

Das Ausrufen im Kendo zielt also darauf ab, sowohl körperlichen als auch psychologischen Wandel hervorzurufen – was vollständig mit der ganzheitlichen Konzeption der Kendo-Technik übereinstimmt. Im Folgenden möchte ich mich jedoch auf die Auswirkungen des bewussten Ausrufens auf den körperlichen Aspekt der Technikausführung beschränken.

Ausrufen und Atemkontrolle

Wie wir gesehen haben, war Mitsuhashi Shuzo besorgt, dass Anfänger dazu neigen, sich zu stark auf das Einatmen zu konzentrieren, und betonte daher nachdrücklich das Ausatmen während der grundlegenden Übungsformen Suburi, Kiri-kaeshi, Kakari-geiko und Uchikomi. Es liegt daher nahe, dass eines der Ziele beim Ausrufen von „Men! / Kote! / Dō! / Tsuki!“ sicherzustellen ist, dass man beim Schlagen tatsächlich ausatmet. Morita Monjuro beleuchtet diesen Zusammenhang zwischen Technikausführung und Ausrufen:

„Man darf beim Schlagen nicht von Anfang bis Ende einatmen, sonst verliert man die Kraft im Unterbauch (Tanden). Es ist wichtig, beim Schlagen auszuatmen – und Ausrufen ist ein Weg, das zu erreichen.“iv

Morita entwirft das Ausrufen also als eine Methode, die sicherstellt, dass man bei der Technikausführung nicht einatmet. Die Schriften Takano Sasaburos – eines der einflussreichsten Begründer des modernen Kendo – stützen diesen Gedanken:

„Anfänger müssen in der Lage sein, natürlich auszurufen – daher sollten sie beim Schlagen laut und mit Vitalität ausrufen.“v

Diese Aussage gewinnt an Gewicht, wenn man bedenkt, dass Takanos eigenes klassisches System – die Ittō-ryū – kein Kiai verwendete und auch die von ihm entwickelte Gо̄ Gyō no Kata, die auf der Ittō-ryū basiert und die moderne Kendo-Kata wesentlich beeinflusste, kein Ausrufen enthält. Es liegt daher nahe, dass die Anforderung zu Ausrufen, insbesondere auf Anfängerstufe, gezielt in das moderne Kendo eingeführt wurde, um korrekte Atemkontrolle bei der Technikausführung zu lehren.

Kiai aus dem Bauch

Kiai beim Schlagen ist keine bloße Frage von Lautstärke oder Dauer. Gefordert ist vielmehr eine besondere Art des Ausrufens, die den Schlag verstärkt. Komorizono Masao lehrte dazu:

„Der Ruf beim Schlagen muss klar, straff, kurz und scharf sein. Es genügt nicht, einfach den Mund weit zu öffnen und den gesamten Atem auszustoßen.“vi

Wie wir gesehen haben, wird maximale Schlagkraft nicht beim Ausatmen erzeugt, sondern in dem Moment, in dem der Atem kurz angehalten wird. Die Kendo-Methode des Ausrufens spiegelt dies wider. Oft heißt es, das Ausrufen solle „aus dem Bauch kommen“ – doch ich halte es für treffender und aufschlussreicher zu sagen, dass das Ausrufen in den Bauch gestopft werden sollte. Enomoto Shoji von der Universität Nanzan erläutert dies anschaulich:

„Wenn ein Sänger singt, flackert die Flamme einer Kerze, die direkt vor seinem Mund gehalten wird, nicht … Obwohl er ruft, stößt er die Luft nicht kräftig aus, und die Flamme bleibt unberührt. Das Ausrufen im Kendo gleicht dem … Wenn man ruft, sollte man den Unterbauch stärken, um die körperliche und geistige Energie zu steigern.“vii

Der Effekt eines kurzen, scharfen Ausrufens sollte also nicht eine nach außen gerichtete Projektion der Stimme sein, sondern vielmehr eine nach innen gerichtete Projektion von Energie in den Unterbauch. Dies lässt sich mit den kurzen, scharfen Rufen vergleichen, die Gewichtheber beim Stemmen einsetzen: Sie nutzen das Ausrufen, um die gesamte Körpermuskulatur anzuspannen und dadurch den Druck in der Bauchhöhle für einen Moment maximaler Kraftentfaltung zu steigern.viii

Diese Form der Atemkontrolle durch Ausrufen lässt sich auch im modernen Karate deutlich beobachten. Dort sollte der gesamte Körper bis zum Moment des Auftreffens entspannt sein – beim Kontakt jedoch werden durch einen kurzen, scharfen Kiai sämtliche Körpermuskeln für einen Moment angespannt, was maximale Kraft erzeugt. Der Umstand, dass der Knoten des Obi – des Gürtels, der unterhalb des Bauchnabels gebunden wird – beim Kiai nach vorne geht, verdeutlicht, dass der Fokus dieser Krafterzeugung auf dem Unterbauch liegt.

Da Mitsuhashi Shuzo betont, dass maximale Energie durch das kurze Anhalten des Atems in Verbindung mit der Anspannung des Unterbauchs erzeugt wird, sollte man im Kendo aus einem Zustand muskulärer Entspannung heraus durch das Ausrufen in den Unterbauch ausatmen und dann durch das kurze Anhalten des Atems den Unterbauch anspannen, um maximale Schlagkraft zu entfalten.

Qualität vor Quantität

Das Ausrufen im Kendo ist also keine bloße Frage des Volumens. Ebenso bedeutsam – und eng damit verbunden – ist die phonetische Qualität des Kiai: wie er klingt. Sato Sadao (Hanshi 9. Dan, Professor an der Universität Tamagawa) schrieb dazu:

„Betrachten wir den Klang des Kiai, so neigt bei solchen, die auf ‚a‘ enden, die Kraft zur Zerstreuung; bei jenen hingegen, die auf ‚i‘, ‚u‘ oder ‚o‘ enden, bleibt die Kraft erhalten.“ix

Enomoto Shoji schreibt dazu ergänzend:

„Wenn man mit zusammengezogenen Stimmbändern die Vokale in der Reihenfolge a-, i-, u-, e-, o- ausspricht, wird man vielleicht bemerken, dass der Fokus der Anspannung dabei allmählich tiefer sinkt: Bei ‚a‘ liegt die Kraft im Bereich zwischen den Augen, bei ‚o‘ im Bauch.“x

Die Phonetik des Ausrufens im Kendo wird freilich durch die Anforderung bestimmt, das Zielgebiet beim Schlagen zu benennen: Men!, Kote!, Dō!, Tsuki!. Im Licht von Satos und Enomotos Beobachtungen scheinen insbesondere „Kote!“ und möglicherweise auch „Men!“ phonetisch schwächere Ausrufe zu sein, bei denen die erzeugte Kraft zur Zerstreuung neigt. Dennoch ist auch zu bedenken, an welchem Punkt des Ausrufens der Schlagkontakt erfolgt. Beim Kiai „Men!“ etwa: Trifft der Schlag auf dem „Me“ oder auf dem „n“? In der letzten Ausgabe habe ich Sato Ukichis Erklärung der A-Un-Atmung im Kontext einfacher Schlagmuster betrachtet. Dabei haben wir gesehen, dass bei der A-Un-Atmung die maximale Schlagkraft auf „Un“ entsteht – jenem Moment des kurzen Atemanhaltens, der die Einheit von Geist, Schwert und Körper (Ki-ken-tai no Itchi) herbeiführt. Der Schlagkontakt sollte demnach auf dem „n“ von „Men!“ fallen. Ebenso sollte bei „Kote!“ der Kontakt auf dem kraftvollen „Ko“ liegen und nicht auf dem vergleichsweise schwachen „te“.

In dieser Ausgabe habe ich die Verbindung zwischen Ausrufen und Atemkontrolle im Kontext der einfachen Schlagaktion im Kendo beleuchtet. Was für nicht-japanische Übende oft ein Bereich der Skepsis – oder vielleicht auch der Befangenheit – ist, erweist sich bei näherer Betrachtung als vielschichtig: Die Anforderung, Kiai zu machen, verfolgt mehrere Ziele. In seiner grundlegendsten Funktion stellt es sicher, dass der Kendoka beim Schlagen ausatmet. Darüber hinaus tragen die gerichteten und phonetischen Qualitäten des Ausrufens dazu bei, dass der Energiefokus im Unterbauch bleibt und damit der gesamte Körper zur Krafterzeugung beiträgt. Und schließlich haben wir gesehen, dass die genaue Wahl des Ausrufzeitpunkts entscheidend dafür ist, dass der Schlagkontakt genau in jenem Moment erfolgt, in dem die Atmung stoppt – womit Atem- und Schlagsteuerung an diesem kritischen Punkt des Energiekreislaufs synchronisiert werden.

In der nächsten Ausgabe werde ich untersuchen, was mit der Atemkontrolle geschieht, wenn man ihr im Angesicht eines Gegners im Seme-ai in der Praxis begegnet.


i Takano Sasaburo, Kendo, S. 122 (Übersetzung von Steven Harwood).

ii Shin-Ki-Ryoku no Itchi.

iii Rei Dan Ji Chi – A Record of Komorizono Masao’s Kendo Teachings, hrsg. von Oya Minoru, S. 84 (Übersetzung von Steven Harwood).

iv Morita Monjuro, Koshi to Tanden de Okonau Kendo, S. 36 (Übersetzung von Steven Harwood).

v Takano Sasaburo, Kendo, S. 123 (Übersetzung von Steven Harwood).

vi Rei Dan Ji Chi – A Record of Komorizono Masao’s Kendo Teachings, hrsg. von Oya Minoru, S. 86 (Übersetzung von Steven Harwood).

vii Enomoto Shoji, Ki wo takameru dake de wa nai kakegoe ga ataeru igai na koka (Nicht nur eine Steigerung von Ki – die unerwarteten Effekte von Kiai), in: Kendo Monthly, März 2000, S. 43 (Übersetzung von Steven Harwood).

viii Vgl. Endnote 11 in Kendo World, Ausgabe 4, S. 52.

ix Sato Sadao, Watakushi no Kendo Shūgyō, S. 77 (Übersetzung von Steven Harwood).

x Enomoto Shoji, Ki wo takameru dake de wa nai kakegoe ga ataeru igai na koka (Nicht nur eine Steigerung von Ki – die unerwarteten Effekte von Kiai), in: Kendo Monthly, März 2000, S. 43 (Übersetzung von Steven Harwood).

Die Rolle der Atemkontrolle im Kendo (VI)

Erschienen in : Kendo World Magazine 2.2 2003
Autor: Steven Harwood
Übersetzung: Stefan Alpers
Veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis des Kendo World Magazine

In dieser Ausgabe möchte ich die Übungsformen Kiri-kaeshi und Kakari-geiko im Zusammenhang mit der Atemkontrolle betrachten – und insbesondere verfolgen, was mit dem grundlegenden Atmungsschema, das im Kontext der einfachen Schlagübungen (Suburi) erarbeitet wurde, in diesen weit dynamischeren Trainingsmethoden geschieht.

Kiri-kaeshi

Kiri-kaeshi – auch als Uchi-kaeshi bekannt – wurde als Bestandteil der modernen Uchikomi-geiko-Trainingsmethode entwickelt,i die jene Übungsformen umfasst, bei denen Schläge auf vorgegebene oder vom Partner freigegebene Ziele ausgeführt werden, einschließlich Kakari-geiko. Kiri-kaeshi gilt als unverzichtbares Trainingselement für Anfänger wie für fortgeschrittene Übende, wird heute jedoch häufig lediglich als Kombination aus geraden Men-Schlägen und wiederholten Schlägen auf die linke und rechte Seite des Men (Sayu-Men) beschrieben – ohne dass Atemkontrolle Erwähnung findet.ii Dabei reicht der Nutzen von Uchikomi-geiko weit über die rein körperliche Technikausführung hinaus. Die Hokushin-Ittō-ryūiii nennt folgende zehn Vorzüge, die durch Uchikomi-geiko ausgebildet werden:iv

  1. Geschwindigkeit und Intensität der Schläge nehmen zu.
  2. Die Stärke der Schläge steigt.
  3. Die Atmung wird kontrollierter und gleichmäßiger.
  4. Die Armbewegungen werden freier.
  5. Der gesamte Körper wird entspannter und flexibler.
  6. Die Fähigkeit zur Handhabung des Schwertes verbessert sich.
  7. Der Unterbauch wird stabiler, was in einer guten Körperhaltung resultiert.
  8. Man beginnt, Schlaggelegenheiten zu erkennen.
  9. Das Verständnis für Ma-ai – die korrekte Schlagdistanz – wird geschärft.
  10. Der Schwertgriff wird leichter, die Aktionen schärfer.

In dieser Liste sind es die Punkte 3 und 7, die unmittelbar mit dem bisher untersuchten Thema der Atemkontrolle in Verbindung stehen. Mitsuhashi Shuzo kommentiert dazu:

„Uchi-kaeshi muss mit Ki-ken-tai no Itchi ausgeführt werden. Entscheidend ist daher, es mit ganzer Seele zu vollziehen; die Muskeln zu entspannen, indem man den Unterbauch anspannt; sich aus den Hüften heraus zu bewegen; Körperbewegung und Schlagaktion zu synchronisieren – und das alles rhythmisch.“v

Auch hier erwähnt Mitsuhashi Atemkontrolle beim Kiri-kaeshi nicht ausdrücklich – doch die Praxis, den Unterbauch anzuspannen und dadurch den Oberkörper zu entspannen, den Unterkörper zum Bewegungszentrum zu machen, sind allesamt wesentliche Elemente für das Schlagen mit Ki-ken-tai no Itchi (der Einheit von Geist, Schwert und Körper) und stehen in engem Zusammenhang mit der Zwerchfellatmung, die wir bereits untersucht haben.

Darüber hinaus gibt es Stimmen, die im Kiri-kaeshi ein ausdrückliches Ziel korrekter Atemschulung sehen. Ogawa Chutaro schreibt:

„Was ich in erster Linie lehre, ist Atemkontrolle … und der beste Weg, sie zu unterweisen, ist durch Kiri-kaeshi und Kakari-geiko. Man sollte nicht versuchen, mit großer Fertigkeit zu treffen – man soll einfach große Schnitte mit dem ganzen Körper machen. Ehe man es merkt, wird sich die Atmung von selbst verbessern.“vi

Ogawa lehrt, dass man im geschützten Rahmen des Kiri-kaeshi – der Gegenüber schlägt nicht zurück – die Gelegenheit hat, Techniken grundlagentreu zu üben, und dass dies eine Weise ist, Atemkontrolle zu entwickeln. Diese Vorstellung, dass Atmung und körperliche Bewegung untrennbar verbunden sind, erinnert stark an Mitsuhashis Konzeptualisierung des Suburi (siehe letzte Ausgabe). Das beim Kiri-kaeshi gelehrte Atmungsmuster scheint jedoch anders zu sein, wie Baba deutlich macht:

„Beim Kiri-kaeshi sollte man nicht viele Atemzüge machen. Man soll es in einem einzigen Atemzug absolvieren und so die Ausdauer steigern. Es ist hart – aber man muss es durchhalten.“vii

Baba belehrt uns also, beim Kiri-kaeshi nicht bei jedem Ausholen einzuatmen, sondern die gesamte Übung in einem Atemzug zu vollenden. Das dabei gelehrte Atmungsmuster lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:

  1. Chūdan no Kamae in Tō-Ma-ai einnehmen und tief einatmen.
  2. Diesen Atem in den Unterbauch hinunterdrücken.
  3. Mit dem Ki-ai „Yah!“ (Kakegoe) vorrücken und Men schlagen, ohne erneut einzuatmen.

Alternativ – als Variante zu den Schritten 1 bis 3:

  1. Chūdan no Kamae einnehmen.
  2. Mit dem Ki-ai „Yah!“ vorrücken.
  3. Beim Ausholen einatmen und Men schlagen.
  4. Vom Tai-atari aus vier Sayu-Men vorwärts und fünf rückwärts schlagen, ohne einzuatmen.
  5. Wieder Chūdan no Kamae in Tō-Ma-ai einnehmen und, ohne einzuatmen, erneut Men schlagen.
  6. Im Tai-atari kurz einatmen.
  7. Vom Tai-atari aus vier Sayu-Men vorwärts und fünf rückwärts schlagen, ohne einzuatmen.
  8. Wieder Chūdan no Kamae in Tō-Ma-ai einnehmen und, ohne einzuatmen, den abschließenden Men schlagen.

Obwohl man den abschließenden Men idealerweise ohne vorheriges Einatmen ausführen sollte, da dieser Schlag besondere Energie erfordert, empfehlen einige Lehrer, lieber vorher einzuatmen, als die Qualität des Schlages zu gefährden. In jedem Fall gerät man beim Kiri-kaeshi rasch außer Atem, da bei jedem Schlag Ki-ai „Men!“ gemacht – und damit ein wenig ausgeatmet – werden sollte. Sumi Masatake (Kyoshi 8. Dan) von der Universität Fukuoka legt großen Wert darauf, den durch diesen Atemdruck entstehenden Schwierigkeiten standzuhalten:

„Ich muss betonen, dass der Wert des Kiri-kaeshi als Trainingsmethode darin liegt, die Fähigkeit zu entwickeln, auch dann noch einen weiteren Schlag herauszuholen – und dann noch einen –, wenn man sich bereits außer Atem fühlt.“viii

Darin lässt sich, so meine ich, eine Widerspiegelung der Lehre der Hokushin-Ittō-ryū über die Vorzüge des Uchikomi-geiko im modernen Kendo erkennen.

Wenn das Atmungsmuster beim Kiri-kaeshi also von jenem des einfachen Suburi abweicht – insofern, als man der Versuchung einzuatmen so lange wie möglich widersteht, während man Mehrfachschläge ausführt –, stellt sich die Frage: Warum? Im Folgenden möchte ich genauer betrachten, worauf diese Atemmethode abzielt.

Baba lehrt, dass es beim Kiri-kaeshi, da es die Wiederholung von Mehrfachtechniken erfordert, wesentlich ist zu üben, nicht außer Atem zu kommen:

„Im Kiri-kaeshi muss man den Gegenüber vom Tai-atari aus schonungslos verfolgen. Kiri-kaeshi kann daher als eine Methode betrachtet werden, zu lernen, wie man den Körper beim Ausführen von Renzoku-waza (Mehrfachtechniken) einsetzt … Es gibt Menschen, die nur einen einzigen Schlag ausführen können – ihr eigentliches Problem ist vielleicht, dass sie außer Atem geraten.“ix

Obwohl Baba hier die Bedeutung des körperlichen Wechsels von links nach rechts, von einem Hieb zum nächsten, hervorhebt, stellt er fest, dass es die Atemkontrolle ist, die diesen Wechsel fließend macht.x Wie wir in der letzten Ausgabe gesehen haben, wird eine einzelne Technik durch das Schema Einatmen – Ausatmen – Anhalten gegliedert. Würde man in der Mitte einer Technik einatmen, käme diese gewissermaßen zum Erliegen; man verlöre den Schwung und wechselte vom wirksamen Zustand des Jitsu in den kraftlosen Zustand des Kyo. Die Aufrechterhaltung von Schwung und Atemkontrolle sind daher untrennbar verbunden – und beim Ausführen einer Technik, die mehrere Schläge umfasst, ist es wesentlich, der Versuchung einzuatmen zu widerstehen und die Technik in einem einzigen Atemzug abzuschließen.

Ein weiterer physiologischer Aspekt des Kiri-kaeshi-in-einem-Atemzug betrifft die Anforderung, die Übung auf gleichbleibender Höhe auszuführen, ohne auf und ab zu ruckeln. Wie ich später noch ausführen werde, neigt der Körper dazu, sich beim Einatmen aufzurichten und sich beim Ausatmen zu senken. Kommt diese atembedingte Tendenz zu dem unvermeidlichen Heben und Senken der Arme beim Schlagen hinzu, kann der Vorwärtsimpuls der Technik leicht unterbrochen werden – und vom Gegner erkannt werden. Daher ist es am besten, Kiri-kaeshi in einem einzigen Atemzug durchzuführen. Natürlich gibt es dabei Grenzen. Mein eigener Lehrer verdeutlichte den Wert dieser Selbstschulung jedoch mit einem einprägsamen Wortspiel: Wenn man der Versuchung widerstehe, in der Mitte von Kiri-kaeshi oder Kakari-geiko einzuatmen – so hart es auch sei –, werde man am Ende einen neuen Atem in sich geboren fühlen: Ikioi – eine Verdoppelung von Vitalität und Schwung.xi Eine ähnliche Logik findet sich in der Lehre der Ittō-ryū über Sutemi und Zanshin: Wer sich rückhaltlos in eine Technik wirft, ohne etwas in Reserve zu halten, dem – so behauptet die Ittō-ryū – wächst ein neues Bewusstsein, das ihn befähigt, mit allem fertig zu werden, was nach dem Angriff folgt. Anstatt das Bewusstsein zurückzuhalten, bleibt es von selbst zurück: Zanshin. Die japanischen Begriffe, die ich hier verwende, sind dabei wesentlich: Ikioi (Vitalität/Schwung) und Zanshin (Bewusstsein/Selbstbeherrschung) vereinen jeweils physiologische und psychologische Aspekte in sich. Wer also rückhaltlos schlägt, ohne Bedenken oder Atem in Reserve zu halten, wird nicht nur eine körperliche Verbesserung seines Kendo erfahren, sondern auch einen psychologischen Wandel.

Es gibt Stimmen, die Atemkontrolle in diesen grundlegenden Übungsformen zu etwas erheben, das Meditation oder Yoga vergleichbar ist – Praktiken, die ebenfalls auf einen Wandel des psychologischen Zustands abzielen.xii Kendo-Größen wie Takano Sasaburo lehrten, dass ein bestimmter, konzentrierter psychologischer Zustand nötig sei, um Kiri-kaeshi wirklich korrekt auszuführen.xiii Und es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass der Einsatz von Kiai – der als Teil der Atemkontrolle in der Kendo-Methodik angesehen werden kann – während des Kiri-kaeshi erheblich zu jenem psychologischen Zustand beiträgt, den Takano beschrieben hat.xiv


i Kendo Jiten, S. 30.

ii Japanese-English Dictionary of Kendo.

iii Ein Zweig der Ittō-ryū – ein klassisches Schwertsystem, das bei der Entstehung des modernen Kendo von großem Einfluss war.

iv Uchikomi no Jutoku, in: Japanese-English Dictionary of Kendo.

v Mitsuhashi Shuzo, Fudōchi (Unmoveable Mind – The teachings of Mitsuhashi Shuzo), S. 367–368.

vi Ogawa Chutaro, Kendō Kōwa (Kendo Lectures) (Übersetzung von Steven Harwood). Anmerkung: Der kürzlich verstorbene Ogawa Hanshi (9. Dan) war nicht nur für sein Kendo bekannt – geprägt durch die Lehre legendärer Vorkriegsmeister und lebenslange intensive Übung –, sondern auch für seine tiefe Verbundenheit mit dem Zen-Buddhismus und der Jiki-Shinkage-ryū, einer klassischen Schwertkunstform, die Atemkontrolle besonders betont. Es ist daher kaum verwunderlich, dass er der Atemkontrolle im modernen Kendo besonderes Gewicht beimisst.

vii Baba Kinji, Kendo – Dentō no Gijutsu (Übersetzung von Steven Harwood), S. 70.

viii Sumi Masatake, Nendai Betsu Keiko Hō – Michi no Kaori (Übersetzung von Steven Harwood), S. 86–87.

ix Baba Kinji, Kendo – Dentō no Gijutsu (Übersetzung von Steven Harwood), S. 70.

x In der letzten Ausgabe haben wir Mitsuhashis Konzeptualisierung des einfachen Schlagrhythmus als einen Übergang untersucht, bei dem das Wechseln vom Einatmen beim Ausholen zum Ausatmen beim Schlag für den Gegner nicht wahrnehmbar sein soll. Für Mitsuhashi besteht kein Unterschied zwischen diesem „Umschalten“, ob man es in Begriffen der Atmung oder der Armbewegung beschreibt. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass die genaue Bedeutung des Begriffs Kiri-kaeshi innerhalb des japanischen Kendo-Establishments weiterhin diskutiert wird. Obwohl er gewöhnlich als „wiederholtes Schlagen“ verstanden wird, kann er auch schlicht „Wechseln von einer Seite zur anderen“ bedeuten. In diesem zweiten Verständnis besteht der hauptsächliche Zweck des Kiri-kaeshi als Trainingsmethode darin, den Übergang von einem Schlag zum nächsten – von links nach rechts – so fließend und unmerklich wie möglich zu gestalten. Babas Lehre legt nahe, dass der beste Weg, dies im dynamischeren Rahmen des Kiri-kaeshi zu erreichen, darin besteht, den Atemübergang gänzlich aufzuheben – indem man die gesamte Übung in einem einzigen Atemzug ausführt.

xi Sanpokai Dojo, Tokyo, Eto Sensei.

xii Morita Monjuro, Koshi to Tanden de Okonau Kendo, S. 66.

xiii Takano Sasaburo, Kendo, S. 90 (A composed and undistracted mind).

xiv Enomoto Shoji, Universität Nanzan, Ki wo takameru dake da wa nai kakegoe ga ataeru igai na koka (Nicht nur eine Steigerung von Ki – die unerwarteten Effekte von Kiai), in: Kendo Monthly, März 2000, S. 40.

Die Rolle der Atemkontrolle im Kendo (V)

Erschienen in : Kendo World Magazine 2.1 2003
Autor: Steven Harwood
Übersetzung: Stefan Alpers
Veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis des Kendo World Magazine

In dieser Ausgabe möchte ich die Übungsformen Kiri-kaeshi und Kakari-geiko im Zusammenhang mit der Atemkontrolle betrachten – und insbesondere verfolgen, was mit dem grundlegenden Atmungsschema, das im Kontext der einfachen Schlagübungen (Suburi) erarbeitet wurde, in diesen weit dynamischeren Trainingsmethoden geschieht.

Kiri-kaeshi

Kiri-kaeshi – auch als Uchi-kaeshi bekannt – wurde als Bestandteil der modernen Uchikomi-geiko-Trainingsmethode entwickelt,i die jene Übungsformen umfasst, bei denen Schläge auf vorgegebene oder vom Partner freigegebene Ziele ausgeführt werden, einschließlich Kakari-geiko. Kiri-kaeshi gilt als unverzichtbares Trainingselement für Anfänger wie für fortgeschrittene Übende, wird heute jedoch häufig lediglich als Kombination aus geraden Men-Schlägen und wiederholten Schlägen auf die linke und rechte Seite des Men (Sayu-Men) beschrieben – ohne dass Atemkontrolle Erwähnung findet.ii Dabei reicht der Nutzen von Uchikomi-geiko weit über die rein körperliche Technikausführung hinaus. Die Hokushin-Ittō-ryūiii nennt folgende zehn Vorzüge, die durch Uchikomi-geiko ausgebildet werden:iv

  1. Geschwindigkeit und Intensität der Schläge nehmen zu.
  2. Die Stärke der Schläge steigt.
  3. Die Atmung wird kontrollierter und gleichmäßiger.
  4. Die Armbewegungen werden freier.
  5. Der gesamte Körper wird entspannter und flexibler.
  6. Die Fähigkeit zur Handhabung des Schwertes verbessert sich.
  7. Der Unterbauch wird stabiler, was in einer guten Körperhaltung resultiert.
  8. Man beginnt, Schlaggelegenheiten zu erkennen.
  9. Das Verständnis für Ma-ai – die korrekte Schlagdistanz – wird geschärft.
  10. Der Schwertgriff wird leichter, die Aktionen schärfer.

In dieser Liste sind es die Punkte 3 und 7, die unmittelbar mit dem bisher untersuchten Thema der Atemkontrolle in Verbindung stehen. Mitsuhashi Shuzo kommentiert dazu:

„Uchi-kaeshi muss mit Ki-ken-tai no Itchi ausgeführt werden. Entscheidend ist daher, es mit ganzer Seele zu vollziehen; die Muskeln zu entspannen, indem man den Unterbauch anspannt; sich aus den Hüften heraus zu bewegen; Körperbewegung und Schlagaktion zu synchronisieren – und das alles rhythmisch.“v

Auch hier erwähnt Mitsuhashi Atemkontrolle beim Kiri-kaeshi nicht ausdrücklich – doch die Praxis, den Unterbauch anzuspannen und dadurch den Oberkörper zu entspannen, den Unterkörper zum Bewegungszentrum zu machen, sind allesamt wesentliche Elemente für das Schlagen mit Ki-ken-tai no Itchi (der Einheit von Geist, Schwert und Körper) und stehen in engem Zusammenhang mit der Zwerchfellatmung, die wir bereits untersucht haben.

Darüber hinaus gibt es Stimmen, die im Kiri-kaeshi ein ausdrückliches Ziel korrekter Atemschulung sehen. Ogawa Chutaro schreibt:

„Was ich in erster Linie lehre, ist Atemkontrolle … und der beste Weg, sie zu unterweisen, ist durch Kiri-kaeshi und Kakari-geiko. Man sollte nicht versuchen, mit großer Fertigkeit zu treffen – man soll einfach große Schnitte mit dem ganzen Körper machen. Ehe man es merkt, wird sich die Atmung von selbst verbessern.“vi

Ogawa lehrt, dass man im geschützten Rahmen des Kiri-kaeshi – der Gegenüber schlägt nicht zurück – die Gelegenheit hat, Techniken grundlagentreu zu üben, und dass dies eine Weise ist, Atemkontrolle zu entwickeln. Diese Vorstellung, dass Atmung und körperliche Bewegung untrennbar verbunden sind, erinnert stark an Mitsuhashis Konzeptualisierung des Suburi (siehe letzte Ausgabe). Das beim Kiri-kaeshi gelehrte Atmungsmuster scheint jedoch anders zu sein, wie Baba deutlich macht:

„Beim Kiri-kaeshi sollte man nicht viele Atemzüge machen. Man soll es in einem einzigen Atemzug absolvieren und so die Ausdauer steigern. Es ist hart – aber man muss es durchhalten.“vii

Baba belehrt uns also, beim Kiri-kaeshi nicht bei jedem Ausholen einzuatmen, sondern die gesamte Übung in einem Atemzug zu vollenden. Das dabei gelehrte Atmungsmuster lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:

  1. Chūdan no Kamae in Tō-Ma-ai einnehmen und tief einatmen.
  2. Diesen Atem in den Unterbauch hinunterdrücken.
  3. Mit dem Ki-ai „Yah!“ (Kakegoe) vorrücken und Men schlagen, ohne erneut einzuatmen.

Alternativ – als Variante zu den Schritten 1 bis 3:

  1. Chūdan no Kamae einnehmen.
  2. Mit dem Ki-ai „Yah!“ vorrücken.
  3. Beim Ausholen einatmen und Men schlagen.
  4. Vom Tai-atari aus vier Sayu-Men vorwärts und fünf rückwärts schlagen, ohne einzuatmen.
  5. Wieder Chūdan no Kamae in Tō-Ma-ai einnehmen und, ohne einzuatmen, erneut Men schlagen.
  6. Im Tai-atari kurz einatmen.
  7. Vom Tai-atari aus vier Sayu-Men vorwärts und fünf rückwärts schlagen, ohne einzuatmen.
  8. Wieder Chūdan no Kamae in Tō-Ma-ai einnehmen und, ohne einzuatmen, den abschließenden Men schlagen.

Obwohl man den abschließenden Men idealerweise ohne vorheriges Einatmen ausführen sollte, da dieser Schlag besondere Energie erfordert, empfehlen einige Lehrer, lieber vorher einzuatmen, als die Qualität des Schlages zu gefährden. In jedem Fall gerät man beim Kiri-kaeshi rasch außer Atem, da bei jedem Schlag Ki-ai „Men!“ gemacht – und damit ein wenig ausgeatmet – werden sollte. Sumi Masatake (Kyoshi 8. Dan) von der Universität Fukuoka legt großen Wert darauf, den durch diesen Atemdruck entstehenden Schwierigkeiten standzuhalten:

„Ich muss betonen, dass der Wert des Kiri-kaeshi als Trainingsmethode darin liegt, die Fähigkeit zu entwickeln, auch dann noch einen weiteren Schlag herauszuholen – und dann noch einen –, wenn man sich bereits außer Atem fühlt.“viii

Darin lässt sich, so meine ich, eine Widerspiegelung der Lehre der Hokushin-Ittō-ryū über die Vorzüge des Uchikomi-geiko im modernen Kendo erkennen.

Wenn das Atmungsmuster beim Kiri-kaeshi also von jenem des einfachen Suburi abweicht – insofern, als man der Versuchung einzuatmen so lange wie möglich widersteht, während man Mehrfachschläge ausführt –, stellt sich die Frage: Warum? Im Folgenden möchte ich genauer betrachten, worauf diese Atemmethode abzielt.

Baba lehrt, dass es beim Kiri-kaeshi, da es die Wiederholung von Mehrfachtechniken erfordert, wesentlich ist zu üben, nicht außer Atem zu kommen:

„Im Kiri-kaeshi muss man den Gegenüber vom Tai-atari aus schonungslos verfolgen. Kiri-kaeshi kann daher als eine Methode betrachtet werden, zu lernen, wie man den Körper beim Ausführen von Renzoku-waza (Mehrfachtechniken) einsetzt … Es gibt Menschen, die nur einen einzigen Schlag ausführen können – ihr eigentliches Problem ist vielleicht, dass sie außer Atem geraten.“ix

Obwohl Baba hier die Bedeutung des körperlichen Wechsels von links nach rechts, von einem Hieb zum nächsten, hervorhebt, stellt er fest, dass es die Atemkontrolle ist, die diesen Wechsel fließend macht.x Wie wir in der letzten Ausgabe gesehen haben, wird eine einzelne Technik durch das Schema Einatmen – Ausatmen – Anhalten gegliedert. Würde man in der Mitte einer Technik einatmen, käme diese gewissermaßen zum Erliegen; man verlöre den Schwung und wechselte vom wirksamen Zustand des Jitsu in den kraftlosen Zustand des Kyo. Die Aufrechterhaltung von Schwung und Atemkontrolle sind daher untrennbar verbunden – und beim Ausführen einer Technik, die mehrere Schläge umfasst, ist es wesentlich, der Versuchung einzuatmen zu widerstehen und die Technik in einem einzigen Atemzug abzuschließen.

Ein weiterer physiologischer Aspekt des Kiri-kaeshi-in-einem-Atemzug betrifft die Anforderung, die Übung auf gleichbleibender Höhe auszuführen, ohne auf und ab zu ruckeln. Wie ich später noch ausführen werde, neigt der Körper dazu, sich beim Einatmen aufzurichten und sich beim Ausatmen zu senken. Kommt diese atembedingte Tendenz zu dem unvermeidlichen Heben und Senken der Arme beim Schlagen hinzu, kann der Vorwärtsimpuls der Technik leicht unterbrochen werden – und vom Gegner erkannt werden. Daher ist es am besten, Kiri-kaeshi in einem einzigen Atemzug durchzuführen. Natürlich gibt es dabei Grenzen. Mein eigener Lehrer verdeutlichte den Wert dieser Selbstschulung jedoch mit einem einprägsamen Wortspiel: Wenn man der Versuchung widerstehe, in der Mitte von Kiri-kaeshi oder Kakari-geiko einzuatmen – so hart es auch sei –, werde man am Ende einen neuen Atem in sich geboren fühlen: Ikioi – eine Verdoppelung von Vitalität und Schwung.xi Eine ähnliche Logik findet sich in der Lehre der Ittō-ryū über Sutemi und Zanshin: Wer sich rückhaltlos in eine Technik wirft, ohne etwas in Reserve zu halten, dem – so behauptet die Ittō-ryū – wächst ein neues Bewusstsein, das ihn befähigt, mit allem fertig zu werden, was nach dem Angriff folgt. Anstatt das Bewusstsein zurückzuhalten, bleibt es von selbst zurück: Zanshin. Die japanischen Begriffe, die ich hier verwende, sind dabei wesentlich: Ikioi (Vitalität/Schwung) und Zanshin (Bewusstsein/Selbstbeherrschung) vereinen jeweils physiologische und psychologische Aspekte in sich. Wer also rückhaltlos schlägt, ohne Bedenken oder Atem in Reserve zu halten, wird nicht nur eine körperliche Verbesserung seines Kendo erfahren, sondern auch einen psychologischen Wandel.

Es gibt Stimmen, die Atemkontrolle in diesen grundlegenden Übungsformen zu etwas erheben, das Meditation oder Yoga vergleichbar ist – Praktiken, die ebenfalls auf einen Wandel des psychologischen Zustands abzielen.xii Kendo-Größen wie Takano Sasaburo lehrten, dass ein bestimmter, konzentrierter psychologischer Zustand nötig sei, um Kiri-kaeshi wirklich korrekt auszuführen.xiii Und es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass der Einsatz von Kiai – der als Teil der Atemkontrolle in der Kendo-Methodik angesehen werden kann – während des Kiri-kaeshi erheblich zu jenem psychologischen Zustand beiträgt, den Takano beschrieben hat.xiv


i Kendo Jiten, S. 30.

ii Japanese-English Dictionary of Kendo.

iii Ein Zweig der Ittō-ryū – ein klassisches Schwertsystem, das bei der Entstehung des modernen Kendo von großem Einfluss war.

iv Uchikomi no Jutoku, in: Japanese-English Dictionary of Kendo.

v Mitsuhashi Shuzo, Fudōchi (Unmoveable Mind – The teachings of Mitsuhashi Shuzo), S. 367–368.

vi Ogawa Chutaro, Kendō Kōwa (Kendo Lectures) (Übersetzung von Steven Harwood). Anmerkung: Der kürzlich verstorbene Ogawa Hanshi (9. Dan) war nicht nur für sein Kendo bekannt – geprägt durch die Lehre legendärer Vorkriegsmeister und lebenslange intensive Übung –, sondern auch für seine tiefe Verbundenheit mit dem Zen-Buddhismus und der Jiki-Shinkage-ryū, einer klassischen Schwertkunstform, die Atemkontrolle besonders betont. Es ist daher kaum verwunderlich, dass er der Atemkontrolle im modernen Kendo besonderes Gewicht beimisst.

vii Baba Kinji, Kendo – Dentō no Gijutsu (Übersetzung von Steven Harwood), S. 70.

viii Sumi Masatake, Nendai Betsu Keiko Hō – Michi no Kaori (Übersetzung von Steven Harwood), S. 86–87.

ix Baba Kinji, Kendo – Dentō no Gijutsu (Übersetzung von Steven Harwood), S. 70.

x In der letzten Ausgabe haben wir Mitsuhashis Konzeptualisierung des einfachen Schlagrhythmus als einen Übergang untersucht, bei dem das Wechseln vom Einatmen beim Ausholen zum Ausatmen beim Schlag für den Gegner nicht wahrnehmbar sein soll. Für Mitsuhashi besteht kein Unterschied zwischen diesem „Umschalten“, ob man es in Begriffen der Atmung oder der Armbewegung beschreibt. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass die genaue Bedeutung des Begriffs Kiri-kaeshi innerhalb des japanischen Kendo-Establishments weiterhin diskutiert wird. Obwohl er gewöhnlich als „wiederholtes Schlagen“ verstanden wird, kann er auch schlicht „Wechseln von einer Seite zur anderen“ bedeuten. In diesem zweiten Verständnis besteht der hauptsächliche Zweck des Kiri-kaeshi als Trainingsmethode darin, den Übergang von einem Schlag zum nächsten – von links nach rechts – so fließend und unmerklich wie möglich zu gestalten. Babas Lehre legt nahe, dass der beste Weg, dies im dynamischeren Rahmen des Kiri-kaeshi zu erreichen, darin besteht, den Atemübergang gänzlich aufzuheben – indem man die gesamte Übung in einem einzigen Atemzug ausführt.

xi Sanpokai Dojo, Tokyo, Eto Sensei.

xii Morita Monjuro, Koshi to Tanden de Okonau Kendo, S. 66.

xiii Takano Sasaburo, Kendo, S. 90 (A composed and undistracted mind).

xiv Enomoto Shoji, Universität Nanzan, Ki wo takameru dake da wa nai kakegoe ga ataeru igai na koka (Nicht nur eine Steigerung von Ki – die unerwarteten Effekte von Kiai), in: Kendo Monthly, März 2000, S. 40.

Die Rolle der Atemkontrolle im Kendo (IV)

Erschienen in : Kendo World Magazine 1.4 2002
Autor: Steven Harwood
Übersetzung: Stefan Alpers
Veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis des Kendo World Magazine

In den vergangenen drei Ausgaben habe ich mich mit Kendo und Atemtechnik befasst und untersucht, wie sie sich in Kendokleidung und -haltung – sowohl der statischen als auch der dynamischen – manifestiert. Dabei haben wir festgestellt, dass Kendo viele seiner statischen Merkmale mit anderen traditionellen japanischen Disziplinen wie der Zen-Meditation teilt. Da Kendo jedoch durch intensive Bewegung gekennzeichnet ist, möchte ich in dieser Ausgabe damit beginnen zu untersuchen, was mit der Atemkontrolle geschieht, sobald man dynamische Technik ausführt.

Die grundlegendste Technikform im Kendo ist Suburi – Übungsschläge, bei denen das Shinai aus dem Kamae über den Kopf gehoben und wieder herabgeführt wird, um eine Position zu treffen, die Men, Kote oder Dō bei einem imaginären Gegner entspricht. Obwohl Suburi vielfach als Schlüssel zur Beherrschung korrekter Schlagausführung gilt, beschränkt sich die Erklärung dieser Übung fast immer auf die rein körperliche Bewegung – was mit der Atmung dabei geschieht, bleibt in der Regel unerwähnt. Mitsuhashi Shuzo (Hanshi 8. Dan) hat analysiert, was während des Suburi mit dem Atem passiert: Man atmet beim Ausholen ein und beim Herabschwingen aus.i Da sich die Brust beim Heben des Shinai öffnet und beim Herabkommen zusammenzieht, erscheint diese Atemweise durchaus natürlich und bedarf vielleicht keiner ausführlicheren Erläuterung. Dennoch wird im Kendo wie in anderen japanischen Künsten großer Wert darauf gelegt, die eigentliche „Arbeit“ beim Ausatmen zu verrichten – im Kendo ist diese Arbeit der Schlag oder Schnitt, nicht das vorausgehende Ausholen. Damit eine Handlung wirksam und kraftvoll ist, muss sie im Ausatmen vollzogen werden. Daraus leiten sich die Konzepte von Jitsu (einem wirksamen, starken, vollständigen Zustand) und Kyo (einem unwirksamen, schwachen und leeren Zustand) ab. Im Kendo gilt, dass effektive Technik nur im Zustand des Jitsu – also beim Ausatmen – ausgeführt werden kann, was weitreichende Konsequenzen für das freie Üben hat, wie wir noch sehen werden. Sato Tsuji legt daher dar, dass man sich bei der Atemkontrolle im Kontext der Technik vor allem auf das Ausatmen konzentrieren sollte.ii

Sato Ukichi deutet eine der Ursachen für diese Theorie von Jitsu und Kyo an: Beim Einatmen neigen die Muskeln dazu, hart und steif zu werden, was freie Bewegung und Kraftentfaltung erschwert. Beim Ausatmen hingegen entspannen sich die Muskeln, und man kann sich schneller und kraftvoller bewegen.iii Im Kendo – wie in vielen anderen japanischen Kampfkünsteniv – ist eines der größten Hindernisse beim Fortschreiten die Unfähigkeit zur Entspannung. Übende neigen dazu, Geschwindigkeit und Stärke mit muskulärer Anspannung gleichzusetzen und verkrampfen folgerichtig vor allem die Oberkörpermuskulatur – was ihre Bewegungen unterbrochener macht, ihre Flüssigkeit raubt und zu vorzeitiger Ermüdung führt. Daher wird Entspannung – auf Japanisch datsuryoku, wörtlich „Kraft abführen“ – auf allen Kendo-Stufen betont, und Atemkontrolle, also das Ausatmen während der Technikausführung, kann dabei wirksam unterstützen. Dies fügt sich nahtlos in die Praxis des Ki-ai ein. Wenn Kendo-Lehrer darauf bestehen, dass ihre Schüler beim Suburi einen Laut von sich geben, verfolgen sie damit mehrere Ziele – eines davon ist zweifellos sicherzustellen, dass die Schüler beim Schlagen tatsächlich ausatmen. Meiner Erfahrung nach sind viele Anfänger, die körperlich sehr verkrampft sind, auch beim Ki-ai sehr gehemmt – beides zusammen macht ihr Kendo ruckartig und ermüdend. Allein vom Standpunkt der Atemkontrolle betrachtet wird Ki-ai, da es Ausatmen beinhaltet, von sich aus Geschwindigkeit, Geschmeidigkeit und Kraftentfaltung beim Schlag verbessern. Auf Ki-ai und Atemkontrolle werde ich in einer späteren Ausgabe ausführlicher eingehen.

Beim Suburi lässt sich also ein grundlegender Atemrhythmus erkennen: Einatmen beim Ausholen, Ausatmen beim Herabschwingen. Doch so einfach ist es nicht. Vielen Kendo-Theoretikern zufolge sollte der Atem im Moment des Auftreffens angehalten werden, um die Energie zu maximieren. Herausragende Kendoka wie Mitsuhashi Shuzo,v Watanabe Shigeovi und Sato Ukichivii empfehlen übereinstimmend, dass die Atmung beim Herabschwingen vom Ausatmen ins Anhalten übergehen sollte. Sato Ukichi schrieb dazu:

„Beim Schlagen sollte man das Schwert über den Kopf führen, während man einatmet und sich dabei gleichsam den gesamten Körper nach oben streckt. Dann, als wollte man den gestreckten Körper wieder zusammenziehen, hält man den Atem an – Un – und schlägt abwärts. Dies gilt sowohl für große als auch für kleine Techniken. Wenn man schlägt oder stößt, hält man den Atem im unteren Bauch.“viii

Das lautmalerische „Un“ ist sowohl aus technischer als auch aus kultureller Perspektive bedeutsam. Sato bezieht sich offenbar auf das buddhistische Konzept des A-Un, in dem A den ersten Laut der Schöpfung und damit einen Anfang bezeichnet, während Un den letzten Laut und damit einen Abschluss bedeutet.ix Die Vorstellung der A-Un-Atmung ist in der japanischen Kultur nicht auf Kendo beschränkt, bezeichnet jedoch üblicherweise eine Atmung, die mit dem Ausatmen (A) beginnt und mit dem Einatmen (Un) endet.x Sato verwendet Un jedoch nicht als Einatmung, sondern um eine Methode zu beschreiben, den Atem unter Einsatz des Unterbauchs anzuhaltenxi – ein deutlicher Hinweis darauf, dass Zwerchfellatmung an der Krafterzeugung während der Technikausführung beteiligt ist. Inoue Masataka (Hanshi 9. Dan) bestätigt, dass Un im Kendo ein Anhalten des Atems bezeichnet:

„Wenn man A-Un-Atmung auf das Kendo anwendet, ist A das Ausatmen und Un das Anhalten des Atems. Mit anderen Worten: Beginne den Schlag im Ausatmen, beende ihn jedoch durch das Anhalten des Atems.“xii

Und Oya Minoru (Kyoshi 7. Dan) schreibt, dass man im Moment des Auftreffens den Atem im Unterbauch halten – gleichsam hineinstopfen – sollte, um beste Technik zu erzielen.xiii

Damit sind wir bei einem grundlegenden Atmungsschema angelangt: Einatmen – Ausatmen – Anhalten während der Technikausführung.

Dieses Anhalten des Atems im Moment des Auftreffens steht in engem Zusammenhang mit dem Anspannen der unteren Bauchmuskulatur – und da dies ein Merkmal der Zwerchfellatmung ist, lässt sich schlussfolgern, dass die während der Technikausführung auftretende Atmung Zwerchfellatmung ist. Mitsuhashi bestätigt dies ausdrücklich:

„Die grundlegendste Atemmethode während der Technikausführung ist Zwerchfellatmung … die in einer Absenkung des Schwerpunktes und sowohl physischer als auch psychischer Stabilität resultiert.“xiv

Das Atmungsschema Einatmen – Ausatmen – Anhalten entspricht den drei körperlichen Bewegungsphasen Ausholen, Herabschwingen und Auftreffen. Ein Schlag wird also in einem einzigen Atemzug ausgeführt. Das ist die Bedeutung des Begriffs Ichi-byoshi – wörtlich „ein Takt eines Rhythmus“ – auf seiner einfachsten Stufe. Im Japanese-English Dictionary of Kendo ist er folgendermaßen definiert:

„Die Art und Weise, wie Schlagbewegungen mit dem Shinai oder Körperbewegungen in einem einzigen Atemzug ausgeführt werden. Auch ein Schlag, bei dem die Bewegungen von Händen und Füßen gemeinsam mit der Atmung auftreten.“

Mitsuhashi verwendet Ichi-byoshi jedoch in einem besonderen Sinn: Er beschreibt damit einen Schlag, bei dem der Übergang vom Ausholen zum Herabschwingen so fließend ist, dass er vom Gegner nicht wahrgenommen werden kann. Um dies zu erreichen, empfiehlt er, vom Einatmen ins Ausatmen zu wechseln, kurz bevor das Shinai die Abwärtsbewegung beginnt. Statt bewusst an das Schema Einatmen – Ausatmen – Anhalten zu denken, solle man sich, wenn überhaupt, auf den Zustand des Ausatmens und Anhaltens konzentrieren. Noch entscheidender betont er, dass Atmung und Bewegung untrennbar verbunden sind: Wer die korrekten Bewegungen wiederholt übt, wird zwangsläufig auch die entsprechenden korrekten Atemmuster verinnerlichen – und damit zu einer Verbesserung der Technik gelangen.

Wesentlich ist allein, dass man beim Schlagen ausatmet.xv Darin lässt sich eine mögliche Antwort auf die Frage erkennen, die ich in der ersten Ausgabe gestellt habe: Wenn Atmung so wichtig für die Kendo-Technik ist, warum wird sie dann nicht gelehrt? Mitsuhashi würde wohl antworten, dass sie durch die Anleitung zur korrekten körperlichen Bewegung sehr wohl gelehrt wird – man denke nur an die vertraute Anweisung, das Shinai vor dem Schlag nicht über dem Kopf anzuhalten oder zu pausieren. Das ist vielleicht eine gute alternative Beschreibung von Ichi-byoshi, wenngleich eine, in der Atmung mit keinem Wort erwähnt wird.

In dieser Ausgabe haben wir gesehen, dass die einfachste Technikausführung im Kendo, obwohl sie meist nur anhand ihrer körperlichen Bewegungsabläufe gelehrt wird, einem korrespondierenden Atmungsschema folgt: Einatmen – Ausatmen – Anhalten. In der nächsten Ausgabe werde ich untersuchen, was mit diesem Atmungsschema in dynamischeren Übungsformen wie Kiri-kaeshi und Kakari-geiko geschieht.


i Mitsuhashi Shuzo, Fudōchi (Unmoveable Mind – The teachings of Mitsuhashi Shuzo), S. 368.

ii Sato Tsuji, Budo no Shinzui (The Essence of Budo), S. 112.

iii Eien naru Kendo, S. 213.

iv Siehe Eugen Herrigel, „Zen in der Kunst des Bogenschießens“.

v Fudōchi, S. 143–145.

vi Kendo no Rekishi to Tetsugaku, S. 24–25.

vii Eien naru Kendo, S. 214.

viii Eien naru Kendo, S. 214 (Übersetzung von Steven Harwood).

ix Wer einen japanischen Schrein besucht, wird am Eingang zum heiligen Hain zwei Statuen hunde- oder löwenähnlicher Wesen bemerken (Koma-inu), je eine auf jeder Seite. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass eine der Figuren den Mund geöffnet hat (A – den Anfang bedeutend) und die andere den Mund geschlossen hält (Un – das Ende oder den Abschluss bedeutend). Zusammen symbolisieren sie Anfang und Ende – Vollständigkeit.

x Noguchi Michizo, Genshi Seimeitai to shite no Ningen, S. 110–111. Diese Konzeptualisierung der Atmung ist in der traditionellen japanischen Bewegungskultur weit verbreitet und unterscheidet sich grundlegend von westlichen Vorstellungen, in denen das Einatmen häufig stärker betont wird als das Ausatmen.

xi In Eien naru Kendo verwendet Sato bevorzugt den Begriff iki wo tsumeru (wörtlich: „den Atem stopfen“) anstelle des gebräuchlicheren iki wo tomeru (den Atem stoppen). Beide Begriffe bezeichnen grundsätzlich das Anhalten des Atems, werden jedoch in unterschiedlichen Kontexten – und mit verschiedenen Konnotationen – verwendet. Noguchi Michizo, ein namhafter Gelehrter der traditionellen japanischen Bewegungskultur, erläutert in Genshi Seimeitai to shite no Ningen die Bedeutung von iki wo tomeru genauer: Der Begriff beschreibt jenen Zustand, in dem man maximale Kraft erzeugen möchte – etwa beim Gewichtheben –, wobei der Kehldeckel reflexartig das obere Ende der Luftröhre verschließt und das Ausatmen verhindert. In Verbindung mit der Kontraktion des Zwerchfells und anderer Bauchmuskeln entsteht so ein erhöhter intraabdominaler Druck, der zur Kraftsteigerung beiträgt. Da es sich dabei jedoch im Wesentlichen um eine Kraftanstrengung handelt, hat diese Atemmethode – genaugenommen eine Methode des Nicht-Atmens – bei längerem Einsatz erhebliche Nachteile: Das Gesicht rötet sich, die Venen treten hervor, und in extremen Fällen kann es zur Ohnmacht kommen. Für den Kendo-Kontext noch bedeutsamer ist, dass schnelle und gewandte Bewegungen bei dieser Art des Atemanhaltens kaum möglich sind. Es erscheint daher zunächst merkwürdig, dass Sato Ukichi iki wo tsumeru als Bestandteil der Technikausführung im Kendo empfiehlt. Noguchi zeigt jedoch auf, dass der Begriff im Kontext der traditionellen japanischen Bewegungskultur (geido) eine ganz andere Bedeutung trägt: Hier bezeichnet iki wo tsumeru einen Zustand, in dem das Zwerchfell dauerhaft leicht angespannt bleibt – was zu einem erhöhten Bauchdruck führt, ohne dass dafür besondere Kraftanstrengung nötig ist. Dies entspricht der im Kendo geübten Praxis, den Unterbauch anzuspannen, und stellt einen idealen Ausgleich dar zwischen der Notwendigkeit, für die Technikausführung Kraft zu erzeugen, und der Fähigkeit, sich während längerer freier Übung oder Kakari-geiko weiterhin frei bewegen zu können.

xii Seigan no Bunka, S. 230.

xiii Kendo ni okeru Kokyū no Shomondai, S. 21.

xiv Fudōchi, S. 144.

xv Fudōchi, S. 145–146.

Die Rolle der Atemkontrolle (III)

Erschienen in : Kendo World Magazine 1.3 2002
Autor: Steven Harwood
Übersetzung: Stefan Alpers
Veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis des Kendo World Magazine

Seiza, Mokusō und Atemkontrolle

In dieser Ausgabe möchte ich zunächst die Praxis von Seizai und Mokusōii betrachten – das stille Sitzen vor und nach dem Training – und insbesondere ihre Verbindung zur Zwerchfellatmung untersuchen. Die korrekte Haltung für Mokusō ist die klassische japanische Kniehaltung, das Seiza.iii Ihre Elemente gleichen in wesentlichen Zügen dem Shizen-tai, das ich in der letzten Ausgabe beschrieben habe: Der gesamte Körper ist entspannt, der Rücken natürlich nach innen gewölbt, der Unterbauch leicht angespannt, die Schultern locker und der Nacken gerade. Häufige Haltungsfehler sind das Wölben des Rückens nach außen – in Japan treffend als „Katzenbuckel“ bezeichnet – sowie das Herausstrecken der Brust. In der Okada-shiki-Seizahō-Meditationsschule werden die Elemente des korrekten Sitzens unter dem Begriff der „drei V“ gelehrt: Das Gesäß wird nach hinten geschoben, Hüften und Bauch nach vorne; der Rücken wölbt sich nach innen, und auch die Region um den Solarplexus soll nach innen, nicht nach außen gewölbt sein.iv Zur Praxis des Mokusō vor und nach dem Training schrieb Baba Takenori (Kendo Kyoshi 7. Dan):

„Im Seiza sitzend sollte man die Augen schließen – nicht vollständig, sondern die Lider nur so weit senken, dass die Augen halb geschlossen sind und man zwei bis drei Meter vor sich sehen kann. Die linke Hand legt man in die rechte Handfläche,v sodass sich die Daumenspitzen berühren und Daumen und Finger einen Kreis bilden (Hokkai Jōin), und zieht die Hände zum unteren Unterbauch.“vi

Damit haben wir den äußerlich-körperlichen Aspekt des Mokusō beschrieben – doch muss auch der eigentliche Sinn dieser Übung angesprochen werden: Warum tun wir das überhaupt? Ich teile ausdrücklich die in Inoue Hanshis Artikel (s. erste Ausgabe) geäußerte Auffassung, dass wir mehr tun sollten als „nur die Bewegungen machen“. In der großen Mehrheit der Dojos – auch in Japan – erhalten die Übenden hierzu jedoch kaum oder gar keine Anleitung. Inoue Hanshis Erklärung von Mokusō und Hokkai Jōin berührte eher die esoterischen Aspekte des Buddhismus und die geistige Entwicklung. Der japanische Zen-Buddhismus postuliert eine Trainingsmethode, bei der zunächst die Körperhaltung korrigiert wird, was in der Folge zu korrekter Atmung führt – und daraus wiederum eine psychologische Veränderung sowie geistige Erleuchtung entstehen. In dieser ganzheitlich-monistischen Übung sind alle drei Elemente gleich wesentlich und bedingen einander gegenseitig. An dieser Stelle möchte ich mich jedoch auf die körperliche Beziehung zwischen dem Sitzen in Seiza und der Atmung beschränken und den feiner abgestuften Bereich der psychologischen Transformation vorerst ausklammern.

Wie wir erkennen können, stimmen die Seiza-Haltung – die den Unterbauch betont und den Oberkörper in den Hintergrund treten lässt – sowie die Hokkai-Jōin-Handhaltung, die das Tanden weiter hervorhebt, vollständig mit dem in der letzten Ausgabe beschriebenen Shizen-tai überein und sind eng mit der Zwerchfellatmung verbunden. Bezeichnenderweise definiert sogar das maßgeblichste japanische Wörterbuchvii die Seiza-Übung als geistiges Training durch die Entwicklung von Zwerchfellatmung. Dies legt nahe, dass Mokusō und Seiza im Kendo zumindest teilweise dem Erlernen und der Vertiefung von Zwerchfellatmung dienen.

Einige Lehrerviii befürworten denn auch konkrete Unterweisungen in der Zwerchfellatmung während des Mokusō: Sie stellen sicher, dass die Schüler langsam und gleichmäßig atmen, eine Grundspannung im Unterbauch aufrechterhalten, und vermitteln, dass die Atmung so ruhig sein sollte, dass sie von Außenstehenden nicht wahrgenommen werden kann. Sanmiya Kazuhiro (Kyoshi 8. Dan) etwa lehrt seine Schüler, drei Sekunden lang durch die Nase einzuatmen, den Atem zwei Sekunden zu halten und anschließend 15 Sekunden lang durch den Mund auszuatmen – was etwa drei Atemzügen pro Minute entspricht.ix Einige Lehrer lehnen sich dabei sogar direkt an Zazenx an und empfehlen das Zählen der Atemzüge als Methode, um sich von der aktiven Wahrnehmung der Umgebung zu lösen und den Geist vor und nach dem Training zur Ruhe zu bringen.xi Omori schreibt jedoch ernüchternd:

„In modernen Kendo-Dojos werden die Menschen dazu gebracht, für einige Minuten oberflächlich Seiza einzunehmen, ohne dass ihnen die Atmung dabei eigens gelehrt wird.“xii

Solche Lehrer werden zunehmend zur Ausnahme. Ich selbst wurde vor einigen Jahren nach dem Training – es folgten 30 Minuten Kakari-geiko im sommerlichen Tokio – ausdrücklich ermahnt, im Seiza nicht wie ein Hund durch den Mund zu hecheln. Als ich für meine Magisterarbeit recherchierte, stieß ich auf eine Passage, die etwas Licht auf den Hintergrund dieser (scheinbar unnachsichtigen) Anweisung wirft:

„Nach dem Training neigt der Atem dazu, schnell und schwer zu werden. In diesem Moment muss man die Kraft in den Unterbauch lenken, das Keuchen beherrschen und darauf achten, dass die Atmung nach außen hin nicht sichtbar wird. Wenn man sich nach dem Training hinsetzt, soll man tief und leise atmen und den rasenden Puls beruhigen. Schnelles, sichtbares Atmen ist ein hässlicher Anblick.“xiii

Dieses Zitat veranschaulicht treffend die Verbindung zwischen äußerem Erscheinungsbild – also Körperhaltung – und Atmung und bestätigt meine These, dass Zwerchfellatmung in vielen Bereichen des modernen Kendo, so auch in Mokusō und Seiza, zwar stillschweigend, aber dennoch gezielt vermittelt wird.

Kamae, Fußarbeit und Atmung

Wie in der letzten Ausgabe dargelegt, ist Shizen-tai die grundlegende Körperhaltung im Kendo. Genauer betrachtet beschreibt Shizen-tai jedoch die statische Haltung; sobald man ein Shinai aufnimmt und sich bewegt, tritt an ihre Stelle das Kamae – die dynamische Ausgangshaltung, von der aus alle Technik entfaltet wird.

Im Kendo gibt es fünf Kamae (Jōdan, Hassō, Chūdan, Waki und Gedan). In der heutigen Praxis verwendet die überwiegende Mehrheit der Kendoka jedoch Chūdan no Kamae – auch als Seigan bekannt –, wenngleich eine Minderheit Jōdan no Kamae bevorzugt. Chūdan no Kamae ist folgendermaßen definiert:

„Eine Stellung, in der der rechte Fuß leicht vor der aufrechten Haltung positioniert ist und der linke Fuß auf einer Linie mit der rechten Ferse steht; das Shinai wird mit der rechten Hand knapp unterhalb der Tsuba (Parierscheibe) und der linken Hand am Tsuka-gashira (dem Ende des Shinai-Griffs) gehalten, und die Verlängerung des Kensen (der Schwertspitze) zeigt auf den Bereich zwischen Kehle und Augenbrauen des Gegenübers. Dies ist die grundlegendste Haltung im Kendo und gleichermaßen für Angriff wie Verteidigung geeignet.“xiv

Obwohl Kamae, Shizen-tai und Seiza auf den ersten Blick verschieden wirken, teilen sie im Wesentlichen dieselben Grundelemente: ein aufgerichteter Körper mit Betonung des Unterleibs und entsprechend entspanntem Oberkörper – alles Merkmale, die wir bereits mit der Zwerchfellatmung in Verbindung gebracht haben. Überträgt man das „Drei-V-Diagramm“ aus Abbildung 1 auf Abbildung 3, so zeigt sich, dass Kendos dynamische Körperhaltung in wesentlichen Zügen dem Seiza entspricht, das im atemkontrollbasierten Meditationssystem der Okada-shiki Seizahō verwendet wird.

Darüber hinaus wird die linke Hand im Kamae sehr nah am Tanden gehalten – und bleibt dort, unabhängig davon, welche Technik ausgeführt wird. Auch wenn dafür technische Gründe bestehen, dürfte dies zugleich – ähnlich wie die Haltung der Hände am Tanden im Seiza – eine Betonung des Unterleibs darstellen. Der bedeutende Vorkriegstrainer Ozawa Aijiro soll gelehrt haben:

„Als ob dein Bauchnabel auf der Parierscheibe liegt – das wird dich zur Ruhe bringen. Atme durch den Nabel, und deine Atmung wird dein Kamae zusammenhalten.“xv

Oya Minoru wiederum macht auf eine direkte Verbindung zwischen linker Hand und Atemkontrolle aufmerksam:

„Du musst deinen Atem, der bei jeder Gelegenheit zu steigen versucht,xvi mit der linken Faust zurück in den Unterbauch drücken.“xvii

Da Kamae eine dynamische Haltung ist, sind Fußarbeit und Haltung untrennbar miteinander verbunden. Die grundlegendste Fortbewegungsform im Kendo ist Okuri-ashi: Der linke Fuß initiiert alle Bewegungen und schiebt den Körper – mit der Hüfte als Zentrum – in den Raum vor, der durch den Vorwärtsschritt des rechten Beines entsteht. Das linke Bein wirkt dabei wie eine Feder, die den rechten Fuß und den gesamten Körper nach vorne treibt und so die grundlegend aufrechte Haltung aufrechterhalten wird. Daher muss die Ferse des linken Fußes stets vom Boden abgehoben sein, um sofortige Vorwärtsbewegung zu ermöglichen – eine Anforderung, die sowohl für die statische als auch die dynamische Haltung im Kendo gilt. Ein verbreiteter Anfängerfehler ist es, die Ferse abzusenken. In der Folge entsteht die Tendenz, mit dem rechten Bein einen Schritt nach vorne zu machen und das linke nachzuziehen, anstatt den Körper aktiv vorwärtszutreiben – was eine Zeitverzögerung erzeugt, in der sich der Körper nach vorne neigt, die Haltung zerstört wird und ernsthafte Probleme bei der Technikausführung und der korrekten Atmung entstehen. Maeda Haruo (Kyoshi 7. Dan) beschreibt diese Zusammenhänge präzise:

„Im Kendo muss die Fußarbeit eine aufrechte Haltung vorantreiben – korrekte Fußarbeit ohne einen geraden Rücken ist nicht möglich. Auch in der Tanden-Atmung ist das Aufrichten des Rückens ein grundlegendes Element.“xviii

Eine aufrechte Körperhaltung mit nach vorne geschobener Hüfte ist demnach die Voraussetzung sowohl für Okuri-ashi als auch für Zwerchfellatmung. Ogawa Chutaro vertieft diese Verbindung zwischen Fußarbeit und Atmung, indem er sie auf die bekannte konfuzianische Weisheit bezieht, wonach gewöhnliche Menschen durch die Kehle atmen, wahre Menschen jedoch durch die Füße:

„Wenn Menschen im Kendo durch Nase oder Kehle atmen, schlagen sie am Ende nur mit den Armen. … Im Kendo sind Hüften und Beine entscheidend. Wer schlecht in der Fußarbeit ist, dessen Atemrhythmus bricht zusammen – und zwar über die Beine, über den linken Fuß. … Wer die Füße richtig einsetzt, atmet richtig. Man atmet mit den Füßen. … Wenn das linke Bein korrekt ist, handelt der Schwerpunkt aus sich heraus, und die Haltung wird stabil. Nakayama-Senseixix schaute bei Prüfungen ausschließlich auf das linke Bein – war es schlecht, ließ er den Kandidaten sofort durchfallen. So wichtig erachtete er es.“xx

Auch der verstorbene Narazaki Masahiko (Hanshi 9. Dan) betonte, dass Bauchatmung für korrekte Haltung und Fußarbeit gleichermaßen unverzichtbar sei:

„Entwickle deine Atmung, indem du Kraft in den Bauch bringst, und nimm einfach ein Shinai in die Hand. Wenn du das tust, werden deine Beine und dein Rücken stark – und du wirst in der Lage sein, echtes Kendo zu machen.“xxi

In dieser Ausgabe haben wir gesehen, dass die für Zwerchfellatmung wesentlichen Elemente nicht nur in der statischen Kendohaltung Shizen-tai präsent sind, sondern ebenso in der sitzenden Haltung Seiza und in der dynamischen Haltung Kamae. Dies legt nahe, dass Zwerchfellatmung ein zentrales Element der Kendo-Technik ist – und, so meine ich, auch, dass sie auf frühen Trainingsstufen stillschweigend über die äußerlich sichtbaren Elemente der Körperhaltung vermittelt wird. Zugleich haben wir gesehen, dass viele angesehene Lehrer die statische wie die dynamische Kendohaltung ausdrücklich mit Zwerchfellatmung in Verbindung bringen – wenngleich es sich dabei häufig um Lehrer handelt, die dem Zen nahestehen oder ihr Kendo noch im Vorkriegssystem erlernt haben.

In der nächsten Ausgabe werde ich die Rolle der Atmung bei der Ausführung grundlegender Übungsformen untersuchen und dabei Suburi, Kiri-kaeshi und Kakari-geiko in den Blick nehmen.


i Ruhiges Sitzen.

ii Stille Kontemplation.

iii Je nach verwendeten Schriftzeichen kann die Bedeutung japanischer Wörter variieren. Seiza als Körperhaltung wird mit den Zeichen für „korrekt“ (sei) und „Sitzen“ (za) geschrieben und bedeutet wörtlich „korrektes Sitzen“. Die Übung des stillen Sitzens vor und nach dem Training wird bisweilen ebenfalls als „Seiza“ bezeichnet, dann jedoch mit dem Zeichen für „ruhig“ oder „beruhigen“ (sei) sowie einem älteren Schriftzeichen für „Sitzen“ (za). Wer das verwirrend findet, sei beruhigt: Japanern geht es ebenso.

iv Kobori Tetsuro, Okada Torajiro und Okada-shiki Seizahō in: Iyashi wo Ikita Hitobito – Kindaichi no Arutanatibu (Heiler – ein alternativer Ansatz), S. 60–61, hrsg. von Tanabe Shintaro, Susumi Shinazono und Yumiyama Tatsuya (Übersetzung von Steven Harwood).

v Vgl. auch den Artikel von Inoue Hanshi in der ersten Ausgabe.

vi Kendo Reiho to Saho (Kendo – Zeremonie und Etikette), S. 98 (Übersetzung von Steven Harwood).

vii Kōjien.

viii So etwa Ogawa Chutaro (Hanshi 9. Dan, verstorben) und Omori Sogen – beide namhafte Schwertkämpfer, die die Rolle der Atemkontrolle im Kendo besonders hervorhoben.

ix Mokusō de Okonau Kokyūhō, in: Kendo Nippon Monthly, November 2001, S. 46–53.

x Zen-Meditation im Sitzen.

xi Susokkan.

xii Ken to Zen (Schwert und Zen), S. 235 (Übersetzung von Steven Harwood).

xiii Tanita Saiichi, Kendo Shinzui to Shidōhō Yoetsu (Die Essenz des Kendo und seine Lehrmethodik), S. 219.

xiv Japanese-English Dictionary of Kendo.

xv Ogawa Chutaro, Kendo Kōwa (Kendo-Vorträge) (Übersetzung von Steven Harwood).

xvi Im Kendo bezeichnet der Ausdruck „Atem steigt“ (iki ga agaru) einen Zustand, in dem man außer Atem gerät oder die Atmung abgehackt wird.

xvii Some questions concerning breathing in Kendo, S. 22 (Übersetzung von Steven Harwood).

xviii „Kendo Transformed by Breathing“ – Sonderausgabe Kendo Nippon, Oktober 1992, S. 24.

xix Nakayama Hiromichi – ein herausragender Kendo-Lehrer der Vorkriegszeit.

xx Kendo Lectures, S. 212–215.

xxi „Kendo Transformed by Breathing“ – Sonderausgabe Kendo Nippon, Oktober 1992, S. 33.

Die Rolle der Atemkontrolle (II)

Erschienen in : Kendo World Magazine 1.2 2002
Autor: Steven Harwood
Übersetzung: Stefan Alpers
Veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis des Kendo World Magazine

In der ersten Ausgabe habe ich angekündigt, die Atemkontrolle vorrangig dort zu untersuchen, wo sie in der Kendotechnik konkret zum Tragen kommt. Da „Technik“ Bewegung voraussetzt, mag es zunächst befremdlich wirken, dass ich diese Ausgabe einer Diskussion über Haltung und Kleidung im Kendo widme. Dennoch halte ich es für wichtig, daran zu erinnern, dass sich die technische Theorie, Ethik und Ästhetik des Kendo niemals losgelöst von der japanischen Gesamtkultur entwickelt haben. In den japanischen Künsten lässt sich generell eine Tendenz beobachten, Körper und Geist, Theorie und Praxis nicht voneinander zu trennen – der Monismus hat Vorrang vor dem Dualismus. Ein Vorgang wird stets in seiner Gesamtheit betrachtet, seine einzelnen Bestandteile als untrennbar verbunden und gleich wesentlich angesehen. Unterscheidungen wie „einfach“ und „fortgeschritten“ oder „Stillstand“ und „Bewegung“ treten dabei in den Hintergrund – es überwiegt ein ganzheitlicher statt ein analytischer Ansatz.

Tatsächlich zeigen sich manche nicht-japanische Kendo-Übende, die eher an systematisches Training gewöhnt sind, mitunter frustriert von traditionellen Kendo-Lehrmethoden, weil ihnen der Zweck einer bestimmten Übung nicht immer unmittelbar einleuchtet. Wer etwa Bizepsübungen mit Gewichten macht, weiß genau, welchen Muskel er kräftigt. Diese Art zielgerichteten Trainings ist für die japanischen Künste jedoch untypisch: Kendo-Suburi verfolgen gleichzeitig viele Ziele – Korrektur der Haltung, Stimmgebung, Schlagtechnik, Atemkontrolle und sogar psychologische Schulung. Die Prinzipien werden daher auf eine weniger explizite, dafür umso tiefer verwurzelte Weise vermittelt. Wer untersuchen möchte, wie Atemkontrolle im Kendo gelehrt wird, muss also über die schlichte Erklärung „So musst du atmen“ – sofern sie überhaupt gegeben wird – hinausblicken und jene Aspekte des Kendotrainings berücksichtigen, in denen Atemkontrolle als begleitendes Element enthalten ist. Ich beginne daher bei den Grundlagen und beleuchte die Wechselbeziehung zwischen Haltung, Kleidung und Atemkontrolle.

Körperhaltung und Atmung

Wie in der letzten Ausgabe erwähnt, postuliert der japanische Zen ein ganzheitliches Training, in dem Haltung und Atmung untrennbar miteinander verbunden sind und gemeinsam eine psychologische Veränderung bewirken. Diese Verbindung findet sich auch in den japanischen Künsten:

„Korrekte Haltung hat nur Sinn als Basis für korrekte Atmung: korrekte Atmung wird aus korrekter Haltung natürlich fließen.“i

Eine Untersuchung der Kendohaltung sollte demnach viel über die Atemtechnik im Kendo offenbaren. Doch was genau versteht man unter Kendohaltung? Im Folgenden beschränke ich mich auf die grundlegende „statische“ Haltung des Kendo, im Unterschied zur „dynamischen“ Haltung (Kamae). Die Grundhaltung im Kendo wird als Shizen-tai bezeichnet – wörtlich „natürlicher Körper“, ein Begriff, der ursprünglich vom Begründer des modernen Judo, Kano Jigoro, geprägt wurde – und ist folgendermaßen definiert:

„Eine fundamentale Kendohaltung, die stabil, ausgewogen und natürlich ist und aus der heraus man den eigenen Körper bewegen oder auf eine Bewegung des Gegners schnell, genau und ungehindert reagieren kann. Der Schlüssel zu dieser Haltung liegt darin, die Füße schulterbreit auseinanderzustellen mit den Zehen nach vorne, das Gewicht gleichmäßig auf beide Beine zu verteilen, den Rücken natürlich aufzurichten, die Hüften einzuziehen, die Unterbauchmuskeln leicht anzuspannen, das Kinn einzuziehen, geradeaus zu blicken sowie Nacken und Schultern zu entspannen und die Arme locker am Körper zu halten.“ii

Oya Minoru (Kyoshi 7. Dan), Professor an der Internationalen Budo-Universität, beschreibt die Kendo-Grundhaltung als eine Körperhaltung, bei der der gesamte Körper entspannt ist: der Rücken natürlich aufgerichtet, der Unterbauch leicht angespannt, die Schultern locker und der Nacken gerade.iii Beide Beschreibungen betonen dasselbe Prinzip: der Unterbauch ist gestrafft, der Oberkörper entspannt. Im Kendo-Training wird immer wieder darauf hingewiesen, sich zu entspannen – womit fast ausnahmslos Oberkörper und Arme gemeint sind. Wann wurde einem zuletzt gesagt, die Beine zu entspannen? Diese Grundhaltung mit ihrem entspannten Oberkörper bildet die ideale Basis für gute Technik. Und wenn wir akzeptieren, dass Atmung und Haltung untrennbar verbunden sind, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass gute Technik ebenso eine korrekte Haltung voraussetzt. Mitsuhashi Shuzo (Hanshi 8. Dan) lehrte, dass Zwerchfellatmung unverzichtbar sei, um eine gute Haltung und damit korrekte Technik zu erreichen:

„Um den Unterbauch zu straffen und die Muskeln zu entspannen, benötigt man Zwerchfellatmung. Und durch Zwerchfellatmung senken sich die Schultern. Dies ist grundlegend für die Ausführung korrekter Technik.“iv

Im Kendo sind Körperhaltung, Atmung und Entspannung also eng miteinander verknüpft und bilden gemeinsam die Voraussetzung für korrekte Technikausführung. In diesem Zusammenhang wird in akademischen Werken über Kendo häufig eine bekannte konfuzianische Weisheit zitiert: Gewöhnliche Menschen atmen durch die Kehle, wahre Menschen hingegen durch die Füße. Natürlich ist es unmöglich, mit den Füßen zu atmen – die Aussage wird vielmehr so gedeutet, dass sie einen Zustand beschreibt, in dem die Körperhaltung ausgeglichen und entspannt und der Schwerpunkt sehr tief ist.v Haltung und Atmung werden demnach als so grundlegend miteinander verbunden betrachtet, dass die Begriffe nahezu austauschbar erscheinen. Da korrekte Atmung aus korrekter Körperhaltung erwächst und umgekehrt korrekte Atmung für eine korrekte Körperhaltung unerlässlich ist, wäre es im monistischen Lehransatz des Kendo nicht nur unmöglich, sondern schlicht irrelevant zu fragen, was zuerst kommt – beide sind wesenhafte Bestandteile der Technik als Ganzer. Da die Haltung ein sichtbares Element ist, lässt sie sich in frühen Kendo-Stufen vergleichsweise leicht korrigieren – anders als das schwerer greifbare und subjektive Element der Atemtechnik. Daraus ergibt sich folgende These: Wenn einem Anfänger die grundlegende Kendohaltung beigebracht wird, wird er zugleich – stillschweigend – in die Grundlagen der Zwerchfellatmung eingewiesen.

Kleidung und Atmung

Hakama und Keikogi sind wesentliche Kleidungsstücke, die von Kriegern im Japan der Vor-Meiji-Zeit täglich getragen wurden. Ich möchte nicht zu weit abschweifen – dies ist schließlich ein Kendo-Magazin –, doch halte ich einen kurzen Vergleich zwischen der westlichen Kleidung des 19. Jahrhunderts und der traditionellen japanischen Kleidung für aufschlussreich, denn er beleuchtet aus einer vergleichenden kulturellen Perspektive, was diese Kleidung über Körperhaltung und damit auch über Atmung verrät. Die westliche Mode jener Zeit – Zylinderhüte, lange Mäntel, eng sitzende Hosen mit Gürteln auf Hüfthöhe – war offenbar darauf ausgelegt, das westliche Ideal der „umgekehrten Dreieck“-Haltung zu betonen: Schultern zurückgezogen, Brust herausgestreckt, Bauch eingezogen. Die traditionelle japanische Kleidung hingegen, mit ihren weiten Hosen und locker geschnittenen Jacken, scheint einem völlig anderen Körperideal zu entsprechen: Es wird eher Breite als Höhe betont, der Schwerpunkt liegt deutlich tiefer. Es erscheint daher nur folgerichtig, dass Vorstellungen von Haltung und Atmung in diesem kulturellen Kontext eng miteinander verwoben sind. Kendokleidung und -rüstung spiegeln diese Beziehung wider – und da Haltung und Atmung untrennbar verbunden sind, gilt das zwangsläufig auch für Kleidung und Atmung. Im Folgenden möchte ich einige Elemente betrachten, die diese Verbindung veranschaulichen und zeigen, dass Atemkontrolle das Kendo bereits auf seiner elementarsten Ebene durchdringt.

Im Kendo der Vorkriegszeit war es üblich, einen Obi – eine Schärpe – knapp unterhalb des Bauchnabels zu tragen, über dem Keikogi und unter dem Hakama. Diese Praxis findet sich noch heute im Kyudo, Iaido und klassischen Kenjutsu sowie bei formellen Nicht-Budo-Anlässen in traditioneller japanischer Kleidung. Das moderne Kendo, in dem der Hakama direkt über dem Keikogi gebunden wird, hat sich von dieser Tradition entfernt. Viele hochrangige Kendoka haben diese Entwicklung kritisiert – und ihre Kritik betrifft nicht nur die Ästhetik, sondern auch den damit einhergehenden Rückgang korrekter Haltung und Atemtechnik. Professor Baba Kinji (Kyoshi 7. Dan) von der Kokushikan-Universität spricht sich für eine Rückkehr zum Tragen des Obi aus: Dieser liefere nicht nur eine „Basis“ für Hakama und Dogi, sondern hebe – und das sei noch wichtiger – den Unterbauch (Seika-Tanden) sowohl objektiv als auch subjektiv hervor.

Professor Baba ist überzeugt, dass das Tragen eines Obi der erste Schritt hin zu Bewegung und Atmung aus dem Unterbauch ist – und damit eine wesentliche Voraussetzung für korrekte Technik.vi Da viele Kendoka heute keinen Obi mehr tragen, kann dies ihre Fähigkeit zur Zwerchfellatmung unmittelbar beeinträchtigen. Der Koshi-Ita – das feste Rückenteil des Hakama – ist dafür vorgesehen, auf dem Obi aufzuliegen, und der Koshi-Bera – der steife Einsatz an der Rückseite des Hakama – soll in den Obi gesteckt werden, damit der Hakama nicht verrutscht. Da der Obi heute häufig weggelassen wird, werden die Bänder des Hakama oder des Tare zu fest gebunden, um ein Verrutschen zu verhindern – was die freie Beweglichkeit des Unterleibs einschränken kann.

Hakama und Tare werden oft auf Hüfthöhe gebunden, was als falsch gilt: Es betont keinen tiefen Schwerpunkt und behindert die Zwerchfellatmung. Traditionell wird der Hakama so gebunden, dass der Knoten unterhalb des Bauchnabels liegt, sodass sich der Unterbauch darüber frei entfalten kann. Ebenso sollte das Tare weder zu hoch noch zu fest gebunden werden – locker und tief genug, um dem Unterbauch beim Atmen ausreichend Bewegungsfreiheit zu lassen. Dies stellt offenbar ein besonderes Problem für Frauen dar: Da ihre Hüften breiter als der Bauch sind, rutscht ein locker gebundenes Tare unweigerlich nach oben, sodass sie gezwungen sind, es auf Hüfthöhe zu befestigen – was den Schwerpunkt anhebt und die Zwerchfellatmung erschwert.

Die Kendokleidung spiegelt also die im Shizen-tai angelegte Betonung des Unterkörpers wider. Doch wie verhält es sich mit dem Oberkörper? Viele werden vor Prüfungen die Mahnung kennen, den Keikogi ordentlich und faltenfrei in den Hakama zu stecken. Auf den ersten Blick erscheint das als rein ästhetische Anforderung – es sieht schlicht gepflegter aus. Doch eine Haltung, die den Unterkörper betont, sollte den Oberkörper gerade nicht in den Vordergrund stellen, und ein glatt anliegender Keikogi leistet genau das: Er erlaubt dem Prüfer zu erkennen, ob der Rücken aufgerichtet und die Hüfte korrekt eingesetzt ist. Ob diese Haltung stimmt, sagt viel über das Kendo eines Menschen als Ganzes aus.vii

Schon bevor man also ein Shinai in die Hand nimmt, werden die Grundlagen der Zwerchfellatmung im eigenen Kendo verankert. Dass ein Lehrer Atmung dabei mit keinem Wort erwähnt, ist kein Zufall und kein Versäumnis – der Lehransatz des Kendo ist monistisch und muss nicht ausdrücklich zwischen Haltung und Atmung unterscheiden. Was an der Oberfläche als rein ästhetisches oder beiläufiges Detail erscheint, erweist sich als Teil des ganzheitlichen Weges, auf dem Technik im Kendo erlernt wird – Technik, die in der Tradition verkörpert ist. Die Haltung ermöglicht es, korrekt zu atmen und den Oberkörper zu entspannen; die Kleidung wiederum festigt diese korrekte Haltung. In der nächsten Ausgabe werde ich untersuchen, wie diese Wechselwirkung von Haltung und Atmung im Mokusō (der Meditation vor dem Training) vertieft wird, die dynamische Haltung des Kendo (Kamae) beleuchten und die Verbindung zwischen Fußarbeit und Atmung untersuchen.


i Sato Tsuji, Budo no Shinzui, S. 19 (Übersetzung von Steven Harwood)

ii Japanese-English Dictionary of Kendo (Alljapanische Kendo-Föderation), S. 98 (Übersetzung ins Deutsche von Stefan Alpers)

iii Oya Minoru, Some questions concerning breathing in Kendo, S. 19–20 (Übersetzung von Steven Harwood)

iv Mitsuhashi Shuzo, Fudochi (Unmoveable Mind – The teachings of Mitsuhashi Shuzo), S. 370

v Sato Tsuji, Budo no Shinzui, S. 95–96, und Inoue Masataka, Seigan no Bunka, S. 229–230

vi Baba Kinji, Kendo – Dento no Gijutsu, S. 18

vii Anmerkung des Übersetzers (Steven Harwood): Im Japanischen wird das Wort für Rücken bzw. Hüfte – „koshi“ – idiomatisch verwendet, um sowohl körperliche als auch psychische Zustände zu bezeichnen. So kann „koshi-tsukuri“ („die Hüfte aufstellen“) sowohl eine Verbesserung der Körperhaltung als auch eine innere Stärkung bedeuten; „koshi wo ireru“ (wörtlich „den Rücken einsetzen“) steht für das Wölben des Rückens durch das Einziehen der Hüfte – oder für Mut und Standfestigkeit. Das Gegenteil, „koshi wo nuku“ („die Hüften weglassen“), bedeutet im übertragenen Sinne feige sein. Und „koshi ga kimaru“ (wörtlich „die Hüften sind bestimmt“) bezeichnet nicht nur eine perfekte Körperhaltung, sondern deutet zugleich auf innere Stärke hin. Ein erfahrener Lehrer kann das Kendo eines Schülers also allein durch einen Blick auf dessen Haltung beurteilen – also: Keikogi ordentlich reinstecken!

Die Rolle der Atemkontrolle im Kendo (I)

Erschienen in : Kendo World Magazine 1.1 2001
Autor: Steven Harwood
Übersetzung: Stefan Alpers
Veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis des Kendo World Magazine

Kurz nach Beginn meines Master of Arts in Comparative Sports Culture an der Internationalen Budo-Universität in Chiba, Japan, wurde ich gefragt, worüber ich meine Magisterarbeit zu schreiben gedachte. Da der Kurs zwei Jahre umfasste, glaubte ich, ausreichend Zeit für meine Recherchen zu haben – und behielt mir vor, meine Meinung später noch zu ändern. So antwortete ich, vielleicht etwas vorschnell, dass ich mich gerne mit der Atemkontrolle im Kendo befassen würde. Dies rief bei meinem Betreuer, Professor Uozumi Takashi, spürbare Bedenken hervor: Er merkte an, dass dies eine ausgesprochen schwierige Aufgabe sei.

Zu diesem Zeitpunkt war ich seit zehn Jahren im Kendo und seit achtzehn Jahren in japanischen Kampfkünsten aktiv. Dabei fiel mir auf, dass zwar viele Lehrer die Atemkontrolle als wesentlich bezeichneten, sie jedoch kaum einer wirklich systematisch lehrte – zumindest nicht als Teil einer konkreten Technik. Manche empfahlen, das Atmen in statischen Übungen wie Za-Zen oder Yoga zu schulen, und legten mir nahe, dasselbe zu tun. Allerdings konnte ich keinen nachvollziehbaren Zusammenhang zwischen diesen äußerst ruhigen Praktiken und den Atemleistungen erkennen, die eine so dynamische Sportart wie Kendo verlangt.

Atemkontrolle wird also auf höchstem Kendo-Niveau betont – doch was ist mit jenen von uns, die sich am Anfang oder in der Mitte ihrer Kendo-Laufbahn befinden? Wie äußert sich Zwerchfellatmung überhaupt in den Techniken, die wir täglich üben? Mangels mündlicher Anleitung wandte ich mich dem geschriebenen Material zu – und damit begann meine Untersuchung für den Master. Es zeigte sich jedoch rasch, dass zu diesem Thema nur sehr wenig veröffentlicht worden war. Autoren erwähnten Atemkontrolle gelegentlich am Rande allgemeiner Werke über Kendo-Technik, doch eine präzise und systematische Darstellung war nirgends zu finden. Diesen Mangel erkannte und bedauerte auch Sato Ukichi, einer der einflussreichsten Kendo-Lehrer im Nachkriegsjapan: „Atemmethode hat einen direkten Effekt auf das Ergebnis eines Kendo-Kampfes, und daher verdient die Frage der Atmung in einer Kampfsituation eingehende Forschung … Leider gibt es aus irgendeinem Grund nur verhältnismäßig wenige Arbeiten, die sich damit befassen.“i

So musste ich zahlreiche Kendo-Handbücher und Abhandlungen in der Bibliothek durcharbeiten sowie Berichte älterer Kendo-Lehrer aus Fachzeitschriften zusammentragen, um mosaikartig ein Bild zu rekonstruieren, das der Rolle der Atemkontrolle im Kendo möglichst gerecht wird. In Ermangelung einer strukturierten Referenz orientierte ich mich teilweise an der renommierten Kyudo-Abhandlung des deutschen Philosophen und Gelehrten Eugen Herrigel, „Zen in der Kunst des Bogenschießens“ – sowohl um eine in der japanischen Kulturbewegung weit verbreitete Charakteristik am Beispiel des Kendo zu illustrieren, als auch um meiner Arbeit akademische Substanz zu verleihen. Herrigel beschreibt die Rolle der Atemkontrolle in den einzelnen Stufen seines Techniktrainings, und ich fragte mich, ob seine Erkenntnisse auch auf das Kendo übertragbar wären. Da dies eine Kendo-Publikation ist, werde ich nicht ins Kyudo abschweifen – jedoch empfehle ich jedem Leser, dieses bemerkenswerte und äußerst einflussreiche Werk zu lesen.

Worin unterscheidet sich also die Atmung im Kendo? Im Kendo wird bisweilen gelehrt, „durch den Bauch“ zu atmen oder Zwerchfellatmung anzuwenden – ein Begriff, der eine Atmung bezeichnet, bei der vorwiegend die Unterleibsmuskulatur, insbesondere das Zwerchfell, eingesetzt wird, im Gegensatz zur verbreiteten Brustatmung, bei der die Zwischenrippenmuskeln die Atemarbeit leisten. Die im Kendo gelehrte Zwerchfellatmung unterscheidet sich jedoch erheblich von der konventionellen Form.ii Bei der konventionellen Zwerchfellatmung wölbt sich der Unterbauch beim Einatmen nach außen und zieht sich beim Ausatmen zurück. Im Kendo hingegen wird stets eine gewisse Grundspannung im Unterbauch gehalten, sodass sich dieser beim Ausatmen niemals vollständig entspannt. Einige Kendo-Lehrer befürworten sogar eine „umgekehrte Zwerchfellatmung“, bei der sich der Unterbauch beim Ausatmen nach außen wölbt. Die Zwerchfellatmung im Kendo verfolgt damit Ziele, die über den bloßen Gasaustausch hinausgehen: Es geht darum, den Schwerpunkt – nicht nur physisch, sondern auch mental – vom Ober- in den Unterkörper zu verlagern, also eine ganzheitliche Zentrierung nach unten zu erreichen.

Die traditionelle ostasiatische Verbindung zwischen psychischem Zustand und Atmung ist heute wissenschaftlich gut belegt. In einem ruhigen Gemütszustand ist die Atmung naturgemäß kontrolliert, gleichmäßig und tief – sie neigt zur Bauchatmung. Unter Anspannung und Stress hingegen „steigt“ die Atmung: Sie wird flach und schnell, im Extremfall bis hin zur Hyperventilation. Das Bild von Stabilität als „Tiefe“ und Erregung als „Höhe“ – „Beruhig dich“ versus „Das Temperament steigt“ – kennt man auch im Westen. Entscheidend ist jedoch, dass diese Wechselwirkung in beide Richtungen wirkt: Die Atmung wird zwar vom psychischen Zustand beeinflusst, kann ihn aber ebenso aktiv verändern. Obwohl Atmung im Normalfall unbewusst abläuft, gehört sie zu den wenigen Körperfunktionen, die sich bewusst steuern lassen – daher das Konzept der Atemkontrolle. Im ostasiatischen Raum wird dies seit Langem genutzt: Meditationstechniken versuchen typischerweise, die ruhige Atemstruktur – das heißt Zwerchfellatmung – bewusst nachzuahmen, um einen entspannten psychischen Zustand herbeizuführen.

Tatsächlich benennt Zen, die strengste asketische Disziplin Japans, Körper (Haltung), Atmung und Geist als seine drei wesentlichen Trainingselemente. Dieser Aufsatz wird Kendo nicht primär durch die Linse des Zen-Buddhismus betrachten – der Fokus soll größtenteils auf der Atemkontrolle in der konkreten Technik liegen. Dennoch sei darauf hingewiesen, dass die von der Allgemeinen Japanischen Kendo-Vereinigung formulierten Grundsätze fordern, dass das Kendo-Training den Menschen als Ganzes formen soll. Kendo gilt als dreiteiliges Training: körperlich, geistig und ethisch. Es ist ein Weg – ein michi –, der nicht nur den Körper, sondern auch den Charakter und die Persönlichkeit des Übenden verändern soll. Das ist die erklärte Zielsetzung.

Da Atemkontrolle in anderen japanischen asketischen Disziplinen eine zentrale Rolle spielt, liegt die Vermutung nahe, dass dies im Kendo nicht anders ist. Wäre dem so, würde eine gründliche Untersuchung nicht nur Aufschluss über die Technik – den sogenannten physischen Aspekt der Kunst – geben, sondern auch über jene psychischen Qualitäten, die nötig sind, um die höchsten Stufen zu erreichen. Darüber hinaus würde eine Technik, die durch Atemkontrolle gleichzeitig auf körperlicher und geistiger Ebene wirkt, in sehr konkreter Weise das ostasiatische Konzept der Einheit von Geist und Körper veranschaulichen – und den Anspruch der Kampfkünste unterstreichen, weit mehr als bloße körperliche Ertüchtigung zu sein.

In den folgenden Ausgaben werde ich untersuchen, wie sich Zwerchfellatmung im Kendo manifestiert – beginnend bei Grundhaltung und Ausrüstung, über Fußarbeit und grundlegende Schlagtechniken bis hin zu Trainingsformen wie Kiri-kaeshi und Kakari-geiko. Ich werde die Beziehung zwischen Bauchatmung und Ki-ai (Stimmgebung) beleuchten, ihre Rolle im Seme-ai (dem gegenseitigen Ausloten von Schwächen vor dem Schlag) untersuchen und zeigen, wie sie in der Kata (formalen Übungsform) vermittelt werden kann. Abschließend werde ich betrachten, wie fortgeschrittene Kendo-Übende die Atemkontrolle zur Vertiefung ihres Trainings nutzen, und ihre Funktion auf den höchsten Stufen der Kunst beschreiben.


i Sato Ukichi (Kendo Hanshi 9. Dan) in Ei-en naru Kendo (Eternal Kendo) 1975, Seite 212 ff (Übersetzung von Steven Harwood)

ii Im Kendo ist der Fokus der Atmung das „Tanden“, ein Punkt, der sich unter dem Bauchnabel im Zentrum des unteren Unterleibes befindet, und der in der orientalischen Medizin für die Quelle von Gesundheit, Lebenskraft und Ki-Energie gehalten wird. Wenn Kendo-Lehrer sich auf Zwerchfellatmung beziehen, beziehen sie sich meistens auf diese Tanden-Atmung.

Überarbeitung von „Die Rolle der Atemkontrolle“

Vor ziemlich langer Zeit habe ich die Artikel aus den Kendo World Magazinen übersetzt und schon dabei festgestellt, dass sie in der Übersetzung teilweise holprig zu lesen sind. Mehr Aufwand zum Glätten der Texte wollte und konnte ich damals aber nicht investieren.

Mit den heutigen Möglichkeiten ist das einfacher und so habe ich beschlossen, die Beiträge zu überarbeiten und neu zu veröffentlichen. Dabei ist mir aufgefallen, dass mindestens zwei Artikel fehlen!

In den nächsten Tagen werden die Überarbeitungen hier erscheinen.