Geido hitosuji (芸道一筋)

(Hingabe an den Weg der Künste)

Kamiizumi Ise-no-Kami (1508 – 1573)

Gründer der Shinkage-ryū, historisch eine der ersten und wichtigsten japanischen Kampftraditionen.

Unter den ersten Kampftraditionen Japans ist die Kage-ryū. Das Zeichen, dass zum Schreiben von kage () benutzt wird, entspricht yin, dem Gegenpol zu yang (), und könnte am besten als „sich auf das unsichtbare Schwert in der Mitte des Herzens oder Geistes beziehend“ beschrieben werden. Die Tradition legte keinen besonderen Wert auf kamae oder Stellung, sondern zog das „kamae des nicht-kamae“ vor. Anders gesagt, die Eingeweihten würden die Gedanken ihrer Feinde lesen und sich im Gleichklang mit ihren Bewegungen bewegen. Das steht in Kontrast zu der grundlegenden Methodik anderer Traditionen, die nur auf Schädelbrechen aus sind, und ist einer der Motivationsfaktoren, die zur Kultivierung von Kampf- oder Kriegsstrategie in eine „Kunst“ führten.

Der Gründer der Tradition war Aisu Hikosai Hisatada (1452 – 1538). Der Aisu-Klan war bekannt für seine großen Seeleute und kontrollierte die Gewässer um die Regionen Ise und Shima. Tatsächlich machte Hisatada angeblich eine erfolgreiche Reise zu den Küsten von China und zurück.

Diejenigen, die mit japanischer Geschichte vertraut sind, werden bemerkt haben, dass Hikosai in einer sehr turbulenten Zeit geboren wurde. Er war in seiner besten Jugendzeit, als der zehn Jahre andauernde Ōnin-Bürgerkrieg (1467 – 1477) stattfand. Dieser löste die Sengoku-Zeit andauernder Kriege für ungefähr die nächsten 100 Jahre aus. Inmitten dieses Trubels entschied Hikosai, sich dem Studium von heihō (Weg des Krieges) zu widmen. Zu diesem Zweck durchreiste er auf der Suche nach Wissen das Land. Es war auf der Insel Kyushu, wo er die Weisheit erlangte, die zur Gründung der Kage-ryū führte. Die Legende sagt, dass ihm das Geheimnis der Fechtkunst von einem alten Mann übermittelt wurde, der die Inkarnation einer Spinne war. In anderen Versionen war der alte Mann ein Affe aber wie dem auch sei, es war diese Kreatur, die Hikosai dazu erleuchtete, eine Tötungsmaschine und mehr zu werden.

Spider-man? Ja, richtig! Dennoch ist die Kage-ryū bei weitem nicht die einzige ryū, was die bizarren Behauptungen ihrer mystischen Gründung angeht. Je nach Erleuchtung des Gründers irgendeiner Schule, wimmelt es von solchen Geschichten. Das diente der Legitimation der Autorität des Gründers und der seines Nachfolgers. Was allerdings alle Kampftraditionen gemein haben, ist die Wertschätzung der Naturkräfte. All die Vögel und Bestien, Wasserfälle und Wälder boten Inspirationen und Einsichten in eine Welt jenseits der weltlichen. Es war das Verständnis und der Respekt für das Außergewöhnliche, das ein paar Kampfmeister dazu ermutigte, die grausamsten Entbehrungen während ihres Strebens, eine eigene Tradition zu formen, auszuhalten.

Jedenfalls wurde die Kage-ryū gebildet und sie bot die Grundlage für viele zukünftige Kampftraditionen. Eine der bekanntesten davon war die von Kamiizumi Ise-no-Kami Hidetsuna (Nobutsana) geschaffene Shinkage-ryū. Man geht davon aus, dass er direkt unter Hikosai oder vielleicht seinem Sohn Genkosai gelernt hat. Es war in weiten Teilen Ise-no-kami zu verdanken, dass die Kage-ryū sich im ganzen Land verbreitete. Aus dieser Linie entstanden große Kampftraditionen wie die Yagyu-ryū, Jikishin Kage-ryū usw.

Ise-no-Kami wurde 1508 in Kazusa (heutige Präfektur Gunma) geboren. Von jungen Jahren an zeigte er große Sympathie und Begabung für die Kriegskünste. Er verbrachte viel Zeit damit, Pilgerfahrten zu den großen Kriegerschreinen von Kashima und Katori zu unternehmen und studierte unter Matsumoto Bizen-no-Kami. Es ist aufgezeichnet, dass er im Alter von ungefähr 20 Jahren Tsukahara Bokuden getroffen und mit ihm trainiert hat. Die meisten Aufzeichnungen geben an, dass Bokuden sein Student war, aber wahrscheinlich ist das Gegenteil wahr.

Schließlich begann er das Studium der Kage-ryū und nutzte sein Fertigkeiten zu großen, ruhmreichen Kämpfen für den Nagano-Klan gegen den mächtigen Kriegsherrn Takeda Shingen. Sein Kampfvermögen war bei Freund und Feind respektiert und er wurde „Speer von Kazusa“ genannt. Mit dem Tod seines Herrn war das Gebiet, für das er so vehement gekämpft hatte, schließlich besiegt. Shingen kannte Ise-no-Kami und seine wertvollen Kampffertigkeiten gut und lud ihn ein, einen hochrangigen Posten in seiner Armee anzunehmen. Ise-no-Kami lehnte höflich ab und verkündete seinen Rückzug vom blutigen Gemetzel der Schlachtfelder.

Ich bin ein Schüler der Aisu Kage-ryū. Aber jetzt will ich meine Zeit dazu verwenden, meine Fertigkeiten und meinen eigenen Stil, die neue Kage-ryū, zu entwickeln.“

Anders gesagt, er wollte seine ganz eigene Shinkage-ryū mit auf den Weg nehmen und sein Stehvermögen testen, anstatt einen bequemen Posten anzunehmen und für irgendeinen Kriegsherrn zu arbeiten. Was dieses Ansinnen so außergewöhnlich machte, war, dass das bis dahin anerkannte Ziel für Spitzenleistungen in heihō war, zu lernen, wie man so viele Feinde wie möglich tötet, dadurch ein Jobangebot der Mächtiger Kriegsherr AG zu bekommen und eine Menge familiäre Vergünstigungen und Pension zu beanspruchen. Es ist unnötig zu erwähnen, wie sprachlose seine Kollegen darüber waren, wie er einem guten Leben wegen seiner Persönlichkeitsentwicklung den Rücken kehrte.

Der alte Ise hat ein paar bokutō Schläge zuviel auf die Birne gekriegt…“

Ise-no-Kami sah die Dinge deutlich anders. Seine Einstellung war, seinen heihō-Stil von den Schlachtfeldern zu entfernen und ihn von einem System von Kampftechniken zum Schlachten in eine Kunst zu transformieren, in der Körper und Seele zusammen mit technischer Fertigkeit verbessert werden. Die Schinderei einer bezahlten Stelle in Diensten irgendeines daimyō interessierte ihn nicht im geringsten. Er war ein Mann, der zu seinem Wort stand, und lehnte alle nachfolgenden Arbeitsangebote ab, während er einen ethischen Rahmen für seine Schule entwickelte und im Land verbreitete. Das war ein epochales Ereignis und machte Ise-no-Kami zu einem der ersten gerühmten Krieger in Japan, der den Weg des Krieges zu etwas anderem als bloßem Töten machte. Er suchte künstlerische Verbesserung und damit die Verbesserung des Charakters.

Erschienen in: Kendo World Magazine 2.4 2004, S. 70 – 71
Autor: Alex Bennett
Übersetzung: Stefan Alpers
Veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis des Kendo World Magazine