Erschienen in : Kendo World Magazine 3.2 2005
Autor: Steven Harwood
Übersetzung: Stefan Alpers
Veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis des Kendo World Magazine
戦略 – Der taktische Einsatz der Atemkontrolle im Seme-ai
In der letzten Ausgabe habe ich untersucht, welche Rolle die Bauchatmungstechnik des Kendo bei der Ausführung gültiger Schläge spielt. In den vorangegangenen Ausgaben haben wir gesehen, dass Atemkontrolle ein wesentliches Element korrekter Körperhaltung, des Kamae und der Fußarbeit ist. Daraus folgt, dass eine mangelhafte Atemtechnik zu fehlerhafter Haltung, Bewegung und Schlagausführung führen kann – und all dies kann von einem Gegner im freien Üben taktisch ausgenutzt werden. In dieser Ausgabe möchte ich damit beginnen, die taktischen Implikationen zu betrachten, die mit der Atemtechnik des Kendo einhergehen.
呼吸の効用・効果 – Anwendungen und Wirkungen der Atemkontrolle im Seme-ai
Das freie Üben lässt sich als kämpferischer Austausch beschreiben, bei dem ein Teilnehmer versucht, ein unangreifbares Kamae aufrechtzuerhalten, während er im Kamae seines Gegners Schwächen erzwingt und ausnutzt. Wie wir bereits gesehen haben, befindet man sich im Hinblick auf die Atemkontrolle beim Ausatmen in einem positiven Zustand (Jitsu1), aus dem heraus Techniken ausgeführt werden können, beim Einatmen hingegen in einem negativen Zustand (Kyo2), aus dem heraus eine saubere Technikausführung schwerfällt. Solange man nicht während des gesamten Kampfes ausatmen kann, ist es daher unmöglich, den positiven Zustand durchgehend zu halten. So entsteht im freien Üben oder im Shiai ein Rhythmus, in dem jeder Teilnehmer – seinem Atemrhythmus folgend – zwischen einem starken und einem schwachen Zustand wechselt: von der Fähigkeit zu schlagen hin zur Verwundbarkeit, selbst getroffen zu werden. Tsuboi Shigeyuki schreibt dazu:
„Wenn der Gegner einatmet, hebt sich sein Schwerpunkt zusammen mit der Muskulatur, die die Lungen umgibt. Seine Haltung ist daher oft weniger stabil als beim Ausatmen. Folglich dürfte es ihm vergleichsweise schwerer fallen, sich zu bewegen.“3
Tsuboi veranschaulicht hier die Vorstellung, dass sich der Körperschwerpunkt beim Einatmen aus dem Unterbauch (Tanden) nach oben verlagert, was zu einer Schwächung des Kamae führt und dem Gegner eine Gelegenheit (Suki) zum Schlagen eröffnet. Auch Mochizuki Umataro beschreibt, wie die Atmung dem Gegner Schlaggelegenheiten bietet:
„Wenn der Gegner Luft in seinen Körper zieht, wird er zweifellos nicht in der Lage sein, die Arme zum Schlag auszustrecken. Und wenn er ausatmet, wird er ganz sicher Arme und Beine ausstrecken und dich schlagen können. Wenn du daher – während du ausatmest – unmittelbar in dem Moment angreifst, in dem dein Gegner einatmet, kannst du jene Lücke in seiner Verteidigung nutzen, die sich aus seinem unbewegten Zustand ergibt, und den Kampf entscheiden.“4
Wie wir bereits bei der Betrachtung der grundlegenden Technikausführung in einem früheren Artikel festgestellt haben, ist es nicht möglich, während des Einatmens vollwertige, gültige Techniken auszuführen. Mochizuki plädiert hier dafür, genau diesen Umstand zu nutzen und zu schlagen, während der Gegner einatmet. Hotta Sutejiro5, der viele Jahre lang – sowohl vor als auch nach dem Krieg – die angesehene Position des Cheflehrers am Dojo der Tokioter Stadtpolizei innehatte, schreibt in ähnlicher Weise:
„Man sollte mit vollem Körpereinsatz gegen den ausgehenden Atem des Gegners angreifen. Die Bewegungsfähigkeit des Körpers löst sich in dem Augenblick auf, in dem sich der Unterbauch von Atem leert – und darin liegt die Gelegenheit.“6
Aus dem zweiten Satz des Zitats geht hervor, dass Hotta mit dem „ausgehenden Atem“ jenen Moment meint, in dem die Ausatmung zu Ende geht – mit anderen Worten den Übergangspunkt zwischen Ausatmung und Einatmung. Er lehrt, dass man an jenem Punkt der Schwäche angreifen soll, an dem dem Gegner der Atem auszugehen droht. Auch Mochizuki befürwortet den Angriff am Übergangspunkt zwischen Ausatmung und Einatmung:
„Wenn möglich, schlage genau in jenem kaum wahrnehmbaren Moment, in dem dem Gegner der Atem ausgeht. Denn dieser Moment liegt einen Sekundenbruchteil bevor er einzuatmen beginnt – er ist daher außerstande, seine Vitalität durch das Ausatmen zu bündeln.“7
呼吸を感知する – Das Erspüren des gegnerischen Atemrhythmus
Um die eigenen Schläge auf jene Schwächen abzustimmen, die der Atemrhythmus des Gegners offenbart, muss man zunächst in der Lage sein, ebendiesen Atemrhythmus zu erkennen. Tanida Saichi8 schreibt dazu:
„Man muss in dem Augenblick angreifen, in dem der Gegner ausatmet – mit anderen Worten in dem Augenblick, in dem sich seine Bewegungsfähigkeit auflöst. Wenn man seine Technik ausführt, nachdem man im Hin und Her des Keiko die Atmung des Gegners erkannt hat, wird es einem nicht schwerfallen, ihn zu überwinden.“9
Wie wir bereits bei der Betrachtung der Atmung im Zusammenhang mit der grundlegenden Schlagausführung gesehen haben, sind Bewegung und Atmung untrennbar miteinander verwoben – und daher lassen sich die Schwächen oder die unmittelbar bevorstehenden Bewegungen des Gegners an seiner Atmung ablesen. Folglich hat die jeweilige Phase der gegnerischen Atmung – Einatmung, Ausatmung oder der Übergang zwischen beiden – Bedeutung im Hinblick auf die Schlaggelegenheiten, die sie eröffnet. Es ist daher taktisch vorteilhaft, den eigenen Atemrhythmus vor dem Gegner zu verbergen, während man zugleich bestrebt ist, den seinen zu erkennen. Maeda Haruo lehrte Folgendes:
„Um die Schwächen des Gegners ausnutzen zu können, muss man ihm seinen Atem ‚stehlen‘ können. Es geht darum, den Umschlagpunkt vom Ausatmen zum Einatmen zu erkennen und angreifen zu können. Umgekehrt muss man dafür sorgen, dass der Gegner die eigene Atmung nicht wahrnimmt.“10
Da es in der Regel sehr schwierig ist, die Atmung des Gegners zu „lesen“, sprechen manche hochrangige Übende davon, den Gegner bewusst so weit zu ermüden, bis dessen Atemrhythmus offen zutage tritt. Chiba Shusaku, der Begründer der Hokushin-Itto-ryu – einer klassischen Schwertschule, die Shinai-Keiko praktiziert und die die Entstehung des modernen Kendo maßgeblich beeinflusst hat –, schreibt dazu:
„Wenn man im Kampf von Beginn an entschlossen vordringt und den Gegner fortwährend unter Druck setzt, sodass er nicht zu Atem kommt, wird er nahezu augenblicklich außer Atem geraten, geschwächt werden, und seine Technik wird stumpf. Das wirkt selbst gegen den stärksten Gegner. Da Anfänger sich dessen nicht bewusst sind, kann man es besonders gegen sie einsetzen. Wenn man wiederholt die Distanz (Ma-ai) verändert und dann erneut vordringt, wird der Gegner schon bald seine Atmung anpassen, bis sie mit der eigenen übereinstimmt. Davon sollte man reichlich Gebrauch machen.“11
Hier zeigt sich: Setzt man den Gegner so stark unter Druck, dass ihm keine Zeit zum Luftholen bleibt, wird seine Atmung stoßweise und seine Technik wirkungslos – und es liegt nahe, dass sich eine solche abgehackte Atmung vergleichsweise leicht lesen lässt. Chiba geht jedoch noch weiter: Er schreibt, dass der Atemrhythmus des Gegners – insbesondere der von Anfängern – durch das eigene Vor- und Zurückgehen während des Seme beeinflusst wird und sich schließlich dem eigenen angleicht. Ist dies der Fall, ließe sich relativ leicht ableiten, wann der Gegner ein- oder ausatmet, ohne dass man die körperlichen Veränderungen seiner Haltung tatsächlich beobachten müsste.12
Baba Kinji erläutert diesen taktischen Einsatz der Atemtechnik im Seme-ai folgendermaßen:
„Meine Schüler sagen mir oft, dass es ihnen schwerfalle zu atmen, wenn sie mit mir üben – ich glaube jedoch, dass dies daran liegt, dass ich ihnen den Atem stehle. Wenn mein Gegenüber das Kiai ‚Yah‘ ausstößt, dringe ich entschlossen vor. Tut man das, so fürchtet der Gegner, getroffen zu werden, sobald er einatmet – und selbst wenn er einatmen müsste, tut er es nicht, sodass seine Atmung in Bedrängnis gerät. In dem Moment, in dem er zum Einatmen gezwungen ist, schlage ich. Indem man dies wiederholt, kann man die Bewegungen des Gegners ersticken.“13
Baba plädiert im Kern für die Taktik, in eine Distanz vorzudringen, aus der heraus man schlagen kann, und dort – unter Wahrung der Unversehrtheit des eigenen Kamae – darauf zu warten, dass der Gegner einatmet. In beiden Beispielen beschreiben die Autoren Begegnungen mit Gegnern, die ihnen technisch unterlegen sind. Man kann sich leicht vorstellen, dass die Atmung solcher Übenden unter körperlichem und psychischem Druck so weit verfällt, dass sie ohne Weiteres erkennbar wird. Mit anderen Worten: Sie halten so lange durch wie möglich, ohne einzuatmen – wenn sie dann aber schließlich dazu gezwungen sind, tun sie es mit solcher Wucht, dass die Einatmung sowohl sichtbar als auch hörbar wird. Und genau dann werden sie getroffen.
呼吸を悟らせる表示 – 打突の機会 – Verräterische Atemzeichen: Gelegenheiten zum Schlag
Auch im freien Üben mit einem Gegner desselben Niveaus ist die Voraussetzung für den taktischen Einsatz der Atemtechnik zunächst das Erkennen des gegnerischen Atemrhythmus. Inoue Masataka schreibt dazu:
„Man spricht davon, die Atmung (des Gegners) zu erkennen, und ich denke, damit ist gemeint, dass man die Lücke zwischen Ausatmung und Einatmung sucht und dann schlägt. Da im modernen Kendo das Gesicht des Gegners jedoch vom Men verdeckt wird, ist es wirklich schwierig, genau in diesem Augenblick zu schlagen. Dennoch ist es möglich, das Atemmuster des Gegners auf anderen Wegen zu erkennen und in dieser Lücke zu schlagen: Die Schwertspitze des Gegners bewegt sich häufig im Takt seiner Atmung, und insbesondere wenn er ermüdet ist, neigt er dazu, mit ausgeprägten Schulterbewegungen zu atmen.“14
Daraus wird ersichtlich, dass es – selbst wenn man den Gegner nicht unmittelbar atmen sehen oder hören kann – verschiedene körperliche Anzeichen gibt, an denen sich sein Atemrhythmus ablesen lässt. Nur wenige Autoren befassen sich mit diesen verräterischen Atemzeichen. Hotta Sutejiro etwa schreibt, dass sich beim Einatmen die Kopfposition hebt und der Körper streckt, während sich beim Ausatmen der Kopf senkt und der Körper absinkt.15 In ähnlicher Weise schreibt Tanida Saichi:
„‚A‘ ist die Ausatmung und ‚Un‘ die Einatmung. Man sollte das Tun des Gegners in aller Ruhe beobachten. Während der ‚A‘-Atmung hebt sich sein Kopf und sein Körper streckt sich; während der ‚Un‘-Atmung senkt sich sein Kopf und sein Körper sinkt ab. Damit einhergehend ist es nur natürlich, dass seine Schwertspitze beim Ausatmen absinkt und beim Einatmen ansteigt. Ein Schlag erfolgt stets während der Ausatmung.“16
Wer solche Anzeichen zu lesen versteht, kann den Gegner in seinem negativen Zustand (Kyo) treffen, der – wie wir gesehen haben – aus dem Einatmen hervorgeht. Tanida erläutert dabei nicht nur die verräterischen Zeichen der Einatmung, sondern auch jene der Ausatmung. Da man stets während des Ausatmens schlagen muss, scheint es unvermeidlich, dass der Gegner die eigene Schlagabsicht erkennt – schließlich senkt sich der Kopf, der Körper sinkt ab und die Schwertspitze neigt sich. Umgekehrt liegt der taktische Vorteil auf der Hand, wenn man erkennen kann, dass der Gegner im Begriff ist zu schlagen. Daher wird Übenden beigebracht, den Kopf auf gleichbleibender Höhe zu halten (etwa während des Kiri-kaeshi) und darauf zu achten, dass die Schwertspitze während des Seme waagerecht bleibt. Auch wenn diese vordergründig rein körperlichen Punkte nicht zwangsläufig mit Bezug auf die Atemkontrolle gelehrt werden, zeigt sich in solchen Unterweisungen erneut die untrennbare Beziehung zwischen körperlicher Bewegung und Atmung.
In dieser Ausgabe habe ich begonnen, den taktischen Einsatz der Atemkontrolle zu untersuchen und aufzuzeigen, welchen Vorteil die Fähigkeit, den gegnerischen Atemrhythmus zu erkennen, im freien Üben oder im Shiai verschaffen kann. In der nächsten Ausgabe werde ich betrachten, wie Übende auf höchstem Niveau ihr Verständnis der Atmung – und der Beschränkungen, die diese der körperlichen Bewegung auferlegt – einsetzen, um einander zu täuschen und Täuschungen zu kontern, und damit dem Hin und Her des Seme-ai eine weitere Dimension hinzufügen.
1 実 (Jitsu).
2 虚 (Kyo).
3 極意 Gokui, S. 176 (Übersetzung von Steven Harwood).
4 「講武一心技一刀流」, in: 『資料明治武道史』, S. 439 – Kobu Shingi Ichi-ryu (in: „A Literary History of Meiji Budo“) (Übersetzung von Steven Harwood).
5 堀田捨次郎 (Hotta Sutejiro).
6 「剣道新手引」 (Kendo Shin Tebiki), S. 138 (Übersetzung von Steven Harwood).
7 Gokui, S. 176 (Übersetzung von Steven Harwood).
8 谷田左一 (Tanida Saichi).
9 「剣道神髄と指導法詳説」 (Kendo Shinzui to Shidoho Shosetsu), S. 220 (Übersetzung von Steven Harwood).
10 「呼吸法で剣道が変わる」 (Kendo Transformed by Breath Technique), Sonderausgabe Kendo Nippon Monthly, Oktober 1992, S. 25 (Übersetzung von Steven Harwood).
11 「剣道秘訣」 (Kendo Hiketsu) (Übersetzung von Steven Harwood).
12 Nakamura Hitoshi, Psychologe am National Special Education Research Centre, hat Experimente durchgeführt, die zeigen, dass der Atemrhythmus durch äußere Reize beeinflusst werden kann. Seine Daten belegen, dass sich bei Testpersonen, die leiser, schwermütiger Musik lauschten, der Atemrhythmus verlangsamte, während er sich bei jenen, die lebhafte, kraftvolle Musik hörten, beschleunigte. (「息のしかた」 Iki no Shikata, S. 59.)
13 「剣道-伝統の技術」 (Kendo – Dento no Gijutsu), S. 67 (Übersetzung von Steven Harwood).
14 「正眼の文化」 (Seigan no Bunka), S. 230 (Übersetzung von Steven Harwood).
15 Kendo Shin Tebiki, S. 138.
16 Kendo Shinzui to Shidoho Shosetsu, S. 220.