Die Rolle der Atemkontrolle XI

Erschienen in : Kendo World Magazine 3.3 2006
Autor: Steven Harwood
Übersetzung: Stefan Alpers
Veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis des Kendo World Magazine

In der letzten Ausgabe habe ich damit begonnen, den taktischen Einsatz der Atemkontrolle zu untersuchen, und wir haben gesehen, welchen Vorteil die Fähigkeit, den Atemrhythmus des Gegners zu erkennen, im freien Üben oder im Shiai verschaffen kann. In dieser Ausgabe betrachte ich, wie Übende auf höchstem Niveau ihr Verständnis der Atmung – und der Beschränkungen, die diese der körperlichen Bewegung auferlegt – im Hin und Her des Seme-ai zu ihrem taktischen Vorteil nutzen, und beginne zugleich, die psychologischen Implikationen der Atemkontrolle zu betrachten.

呼吸の読み合いによる戦い – Taktische Überlegungen

Wir haben gesehen, dass sich das Atemmuster des Gegners an Veränderungen seines körperlichen Zustands oder seiner Bewegungen ablesen lässt – etwa am Heben und Senken der Schultern oder an der Bewegung seiner Schwertspitze. Mit anderen Worten: Die Art, wie man atmet, und die Art, wie man sich bewegt, hängen zusammen. Daraus lässt sich die Hypothese ableiten, dass eine Veränderung des Atemmusters zwangsläufig auch die Bewegung verändert. Die Fähigkeit, die eigene Atmung bewusst zu steuern, macht das Konzept der Atemkontrolle (Kokyūhō) überhaupt erst möglich – und manche Übende auf höchstem Niveau nutzen ihr Verständnis der Beziehung zwischen Atmung und Bewegung, um sich im Keiko einen taktischen Vorteil zu verschaffen. Ein solches Verständnis kann es einem ermöglichen, den Angriff des Gegners bereits in seinem allerersten Ansatz (dem Okori) zu erkennen und Zeit zu gewinnen, ihn zu unterdrücken oder ihm etwa mit Debana-waza zuvorzukommen. Umgekehrt bietet die Atemkontrolle ein Mittel, mit dem Übende Wege finden können, Techniken auszuführen, ohne ihre Absicht durch die Atmung zu verraten. Tsuboi Shigeyuki schreibt dazu:

„Der Grund, weshalb junge Kendoka erfahrene alte Schwertkämpfer nicht besiegen können, liegt darin, dass man – sobald man die Technik einmal verstanden hat – bis zu einem gewissen Grad einen Bereich betritt, in dem der Kampf über einen Wettstreit der Atmung ausgetragen wird: über das Lesen des gegnerischen Atems.“1

In diesem stillen, auf Atemkontrolle beruhenden Kampf darf man nicht einatmen, um nicht seine Schwäche preiszugeben und dem Gegner eine Gelegenheit zum Schlag zu bieten. Anders als in manchen anderen Kampfkünsten wie Kyudo oder Iaido hat man es im Kendo jedoch mit einem beweglichen Gegner zu tun, der seine eigenen Absichten verfolgt – und deshalb ist es unmöglich, genau vorherzusagen, wann man die eigene Technik ausführen kann. Man kann also nicht einfach die Luft anhalten und auf die Gelegenheit zum Schlag warten. Watanabe Shigeo schreibt hierzu:

„Es ist außerordentlich schwierig, den Atem über einen längeren Zeitraum anzuhalten oder ununterbrochen auszuatmen – und tut man es dennoch, führt dies zu einem deutlichen Verlust an Energie und Geist. Deshalb ist es im Kendo wirklich wichtig, den außer Tritt geratenen Atem so schnell wie möglich wieder zu beruhigen.“2

Im Keiko zwischen hochrangigen Übenden gibt es also „einen stillen Kampf, wie er nur dem Budo eigen ist, bei dem jede Seite versucht, die Atmung der anderen zu lesen.“3

Was aber genau geschieht in diesem „stillen Kampf“? Zunächst versetzt einen das Einatmen unvermeidlich in den negativen Zustand des Kyo, in dem man weder eigene Techniken ausführen noch auf Veränderungen im Kamae des Gegners reagieren kann. Daher ist es zwingend erforderlich, die eigene Atemkontrolle so einzurichten, dass das Einatmen für den Gegner nicht erkennbar wird. Wie sich besonders deutlich zeigen wird, wenn wir die Atemkontrolle in der Kendo-Kata betrachten, muss man beim Vorgehen und Unter-Druck-Setzen des Gegners im Seme entweder ausatmen oder den Atem anhalten. Einatmen darf man beim Vordringen niemals. So vermeidet man es, dem Gegner eine Schlaggelegenheit zu zeigen – doch es liegt auf der Hand, dass dies zeitlich begrenzt ist. Baba Kinji beschreibt dieses Problem folgendermaßen:

„Der Punkt, an dem man einzuatmen beginnt, ist durch die Neigung gekennzeichnet, ins Stocken zu geraten und an Schwung zu verlieren. Man muss daher entweder das Ma-ai brechen – also eine sichere Distanz einnehmen – oder einen Weg finden, im Vorwärtsgehen einzuatmen.“4

Hier zeigt sich, dass das im Kiri-kaeshi eingeübte Atemmuster auf das Hin und Her des freien Übens übertragen wird: Im Kiri-kaeshi rückt man unter Stimmgebung vor – was sicherstellt, dass man ausatmet – und atmet nur während jener „sicheren Phase“ ein, in der der Gegner nach dem Zusammenprall des Tai-atari zurückweichen muss.

Im freien Üben steht man vor dem Dilemma, dass man ohne Atem keine gültigen Schläge mehr ausführen kann, umgekehrt aber durch das Einatmen angreifbar für die Schläge des Gegners wird. In einer Artikelserie, die 1998–1999 in Kendo Jidai erschien, erläutert Ishihara Tadami (Kendo Hanshi 9. Dan) ausführlich seine Theorie der „natürlichen Bauchatmung“, die er als Lösung dieses taktischen Dilemmas empfiehlt.5 Nach Ishiharas Theorie befindet man sich im positiven Zustand des Jitsu, wenn der Druck im Körperinneren höher ist als der Druck außerhalb; fällt der Innendruck unter den Außendruck, befindet man sich im passiven Zustand des Kyo. Zur Veranschaulichung seiner Theorie entwarf Ishihara das folgende Diagramm:

Ishiharas Diagramm der „natürlichen Bauchatmung“ (腹式自然呼吸) mit Ergänzungsatemzug (継ぎ息, A) und Reserveatem (残気, B) sowie der Visualisierung des Luftsacks im Tanden.

Das Diagramm veranschaulicht, dass man beim Ausatmen vom Zustand des Jitsu in den des Kyo wechselt, sobald der Druck im Körperinneren unter den äußeren Luftdruck sinkt. Ishihara stellt fest: Befindet man sich im Zustand des Jitsu, kann man relativ frei schlagen – der Gegner wird jedoch vergleichsweise leicht erkennen, dass man zum Schlag ansetzt. Aus dem Zustand des Kyo heraus ist ein Schlag zwar verhältnismäßig schwierig, doch wird es dem Gegner schwerfallen, das Ansetzen zu erkennen.

Ishihara erklärt weiter: Um den Gegner so unter Druck zu setzen, dass er einen Fehler macht und eine Schlaggelegenheit bietet, ist man gezwungen, fortwährend auszuatmen, damit man nicht selbst Schwächen offenbart. Das führt unweigerlich dazu, dass man in den Zustand des Kyo fällt – und wenn der Gegner dann tatsächlich eine Gelegenheit bietet, ist die Versuchung groß, vor dem Schlag rasch einen „Ergänzungsatemzug“ zu nehmen. Damit signalisiert man dem Gegner jedoch die eigene Schlagabsicht und lässt ihn den Beginn der Technik erkennen. Ishihara ist daher bestrebt, mittels Bauchatmung frei aus dem Zustand des Kyo heraus zu schlagen, ohne einen Ergänzungsatemzug zu benötigen.

Um dies zu erreichen, stellt sich Ishihara einen Luftsack im Unterbauch vor, in dem stets ein Rest Luft verbleibt – die „Reserveluft“. Bietet der Gegner im freien Üben eine Schlaggelegenheit, so ist Ishihara selbst im Zustand des Kyo in der Lage, seinen Unterbauch anzuspannen und Druck auf diesen Luftsack auszuüben. Dadurch steigt sein Innendruck für einen Moment über den äußeren Luftdruck und versetzt ihn in den Zustand des Jitsu, aus dem heraus er schlagen kann, ohne zusätzlich Luft holen zu müssen.

Ishihara vertritt somit die Auffassung: Wenn man sicherstellen kann, dass stets etwas Luft im Körper verbleibt, und wenn man die Technik beherrscht, den Unterbauch im Moment einer Schlaggelegenheit anzuspannen, dann kann man den Gegner schlagen, ohne einatmen zu müssen – und ist damit das doppelte Problem los, die eigene Technik anzukündigen und sich zugleich dem Angriff des Gegners auszusetzen. Ishihara erläutert ausführlich, mit welcher Technik er diese Reserveluft aufrechterhält. Er berichtet, dass ihm die folgende Atemtechnik zuerst vom verstorbenen Matsumoto Toshio (Kendo Hanshi 9. Dan) vermittelt wurde:

„Atme nicht durch die Nase ein und aus. Presse die Lippen zusammen und atme langsam über einen langen Zeitraum aus. Tut man dies, so stößt die Ausatmung auf Widerstand, und der Atem setzt sich im Unterbauch – so entsteht eine Luftreserve.“6

Ishihara wandte diese Atemmethode viele Jahre lang an, stellte jedoch fest, dass sie ihn mit zunehmendem Alter zu sehr beanspruchte. Als er in seine Siebziger kam, entwickelte er daher improvisierend seine eigene Methode:

„Meine Atemmethode gründet auf jener, die in der Kendo-Kata verwendet wird. Im Kern bilde ich mit Zungengrund und Kehldeckel einen Verschluss über der Luftröhre – ganz ähnlich wie beim Pressen auf der Toilette. Da man sich aber beim Pressen nicht bewegen kann, atme ich aus und löse die Spannung, bevor ich dieses Stadium erreiche. Auf diese Weise setze ich meiner Ausatmung Widerstand entgegen, was dazu führt, dass sich mein Atem im Unterbauch setzt und dort verbleibt.“7

Im Seme-ai muss man den Gegner unter Druck setzen, indem man aus der sicheren Distanz des Issoku-ittō-no-ma-ai heranrückt. Dabei muss man in der Lage sein, augenblicklich auf Veränderungen im Kamae des Gegners zu reagieren, was die Aufrechterhaltung eines Zustands von Jitsu erfordert – durch fortwährendes Ausatmen und Anspannen des Unterbauchs. Atmet man ein, wechselt man in den schwachen Zustand des Kyo, aus dem heraus ein Schlag schwierig ist und in dem man leicht Schlaggelegenheiten preisgibt. Man muss den Gegner also weiter unter Druck setzen, ohne einzuatmen. Unweigerlich verbraucht sich beim Ausatmen jedoch die Luft in den Lungen, sodass dies zeitlich begrenzt ist. Wir haben gesehen, dass Ishihara mit der Vorstellung eines Luftsacks, den er zusammendrücken kann, um einen zusätzlichen Energieschub zu erzeugen, eine Luftreserve zu schaffen sucht, mit der sich der Moment des erzwungenen Einatmens hinauszögern lässt. Im freien Üben kommt das Einatmen dem Zugeständnis einer Schlaggelegenheit gleich – was zumindest für manche hochrangigen Übenden in einem stillen, auf Atemkontrolle beruhenden Willenskampf mündet, der parallel zum offensichtlicheren körperlichen Hin und Her des Seme-ai verläuft.

Auch Mitsuhashi Shuzo (Kendo Hanshi 8. Dan) betont die taktische Bedeutung eines „Reserveatems“ und weist darauf hin, dass es mitunter nötig sein kann, vor einem Schlag einzuatmen:

„Wenn man einem Gegner gegenübersteht, sollte man maßvoll – also flach – atmen. Tut man dies, ist stets Luft in den Lungen, und man kann nach Bedarf ein- oder ausatmen und Techniken rasch einleiten. Zudem wird der Gegner, wenn man gleichmäßig atmet, den Wechsel von Einatmung zu Ausatmung nicht erkennen können – und so gibt man ihm keine Gelegenheit, einen zu treffen.“8

Auch Oya Minoru (Kendo Kyoshi 7. Dan) stellt fest, dass es Situationen geben kann, in denen man vor dem Schlag einatmen muss:

„Wenn man von einer Distanz, in der sich die Schwertspitzen berühren, in eine Distanz übergeht, in der sich die Shinai kreuzen, sollte man lang und gleichmäßig ausatmen. Tut man dies, kann man auf die Veränderungen oder Initiativen des Gegners reagieren, augenblicklich zwischen Ein- und Ausatmung wechseln und die eigene Technik ausführen.“9

Oya untersucht einige selten beschriebene Methoden der Atemführung im Seme-ai und führt folgende Gelegenheiten an, bei denen die Einatmung Teil der Technikausführung sein kann:

  1. Wenn der Gegner nach vorne drängt, kann man mit einem „ziehenden Atemzug“ (Hiki-iki) einatmen und seine Energie wie ein Schwamm aufsaugen – um dann zur Ausatmung zu wechseln und diese Luft für den eigenen Schlag zu nutzen.
  2. Wenn man geschlagen hat und aufgrund der Reaktion des Gegners erneut schlagen will, kann man einen Ergänzungsatemzug – „Toton-iki“ – nehmen und schlagen.
  3. Man kann die Atmung mit der Fußarbeit verbinden: ausatmen, während man mit dem rechten Fuß vordringt, und die Reaktionsfähigkeit auf die Veränderungen des Gegners bewahren, indem man einatmet, wenn der linke Fuß nachkommt (Hara-iki), und dann schlägt.10

Welche Methode der Atemführung auch immer angewandt wird – auf dieser Stufe des Übens kommt es darauf an, dass man Techniken augenblicklich ausführen kann, indem man stets eine gewisse Luftreserve behält, und dass man dem Gegner keinerlei Hinweis auf das Einatmen gibt, etwa durch Heben der Schultern oder weites Öffnen des Mundes beim Luftschnappen. Die auf dieser Stufe am häufigsten gewählte Atemmethode ist daher eine maßvolle, gleichmäßige Bauchatmung.

Tanida Saichi hält fest, dass die Bauchatmung einen erheblichen Unterschied für die Fähigkeit macht, auf Veränderungen im Kamae des Gegners zu reagieren:

„Wenn sich der Atem im Unterbauch setzt, setzen sich auch Körper und Schwert, und die Bewegungen werden geschmeidig und frei. Dadurch kann man jederzeit augenblicklich präzise Technik einsetzen.“11

Sato Tsuji und Takao Shigefumi weisen darauf hin, dass Atemkontrolltraining verhindern kann, dass Kendoka ihre Atmung an den Gegner verraten:

„Es heißt, dass Übende der Kampfkünste oder der Zen-Meditation früher eine Kerze vor ihre Nase stellten und ihre Bauchatmung so steuerten, dass die Kerzenflamme durch ihren Atem nicht flackerte. Wer die korrekte Atemtechnik erwirbt, dessen Atmung wird vollkommen unmerklich.“12

Dass die Atmung hochrangiger Übender im Seme-ai eben diese unmerkliche Bauchatmung sein sollte, bestätigt Morishima Takeo (Kendo Hanshi 9. Dan), der sich im Zusammenhang mit den Anforderungen an eine Prüfung zum 8. Dan äußert:

„Die Ausatmung sollte lang und gleichmäßig sein, die Einatmung muss kurz sein – es sollte eine ruhige Bauchatmung sein.“

技法から心法へ – Vom Körper zum Geist

Die Aufrechterhaltung einer regelmäßigen, gleichmäßigen Atemkontrolle im freien Üben ist somit die Voraussetzung dafür, Techniken dann ausführen zu können, wenn man sie braucht. Ermüdet man während des freien Übens, so wird der Atem naturgemäß unregelmäßig, und die körperliche Fähigkeit zur Technikausführung leidet. Doch die Atemkontrolle im Seme-ai wirkt sich auch auf den psychischen Zustand des Übenden aus. Unter psychischem Druck, unter Stress, verändert sich bei den meisten Menschen das Atemmuster – und das kann dieselbe Wirkung haben wie körperliche Erschöpfung. Sato Ukichi schreibt dazu:

„Steht man in einem Kendo-Kampf einem starken und ungestüm beseelten Gegner gegenüber, so neigt man dazu, sich von dieser Ausstrahlung einschüchtern zu lassen – und ehe man sich versieht, gerät die Atmung außer Tritt. Ebenso fühlt man sich im Kampf gegen jemanden mit großem technischem Können von dieser Fertigkeit bedrängt, und die Atmung gerät ins Stocken. Infolgedessen kann man den Kampf verlieren.“13

Wer im Kendo seine geistige Gelassenheit bewahren kann, ist in der Lage, auch mitten im Hin und Her des freien Übens schnell zu denken und angemessen zu urteilen. Verliert man diese Gelassenheit jedoch aus irgendeinem Grund, so gerät die Atmung ins Stocken, und die Fähigkeit, einen stabilen körperlichen Zustand des Jitsu zu halten, aus dem heraus man eigene Techniken einleiten kann, wird beeinträchtigt. Das moderne Kendo hat die Lehre der Hokushin-Itto-ryu über die möglichen Ursachen für den Verlust der psychischen Gelassenheit übernommen: Verblüffung, Furcht, Zweifel und Zögern – die vier Schwächen des Herzens (Shikai oder Shibyō). Oya Minoru schreibt über die Wirkung dieser vier Schwächen auf die Atmung und damit auf die Fähigkeit zur Technikausführung:

„Wenn man einem Gegner gegenübersteht und einer der vier Schwächen erliegt, hört man faktisch auf zu atmen, und die Bewegungen werden schwerfällig. Hält man zudem den Atem an oder unterdrückt ihn, wird die Atmung schmerzhaft, und als Reaktion darauf neigt man dazu, nach Luft zu schnappen. Tut man dies, so zeigt man dem Gegner, dass man sich im Zustand des Kyo befindet.“

Um dieses Problem zu überwinden, müssen Kendoka eine korrekte Atemmethode entwickeln. Mitsuhashi Shuzo schreibt dazu:

„Geistige Regungen in der Auseinandersetzung mit einem anderen Menschen können die Atmung beeinflussen, und deshalb muss man darum bemüht sein, dass die eigene Atmung im Kendo-Kampf nicht durch unnötige geistige Regungen beeinträchtigt wird … Wichtig ist, dass man die Spannung im Unterbauch nicht verliert, wenn man solche unnötigen geistigen Regungen unterdrücken will … Und der Weg, den Unterbauch dauerhaft angespannt zu halten, ist die Bauchatmung.“

Mitsuhashis Lehre zeigt, dass die Atmung untrennbar mit dem psychischen Zustand verbunden ist. Gerät man unter Stress, wird die Atmung gestört – umgekehrt hilft die Kontrolle der Atmung dabei, die geistige Gelassenheit zu bewahren. Unter dem Einfluss von Furcht oder Zorn steigt die Atmung – ebenso wie das Temperament – und destabilisiert die körperliche Fassung, also das Kamae. Wenn man sich psychisch „setzt“, setzt man sich auch körperlich, und das Kamae lässt sich halten, wie es sein soll. Mitsuhashi plädiert damit für den bewussten Einsatz jener Bauchatmung, wie sie aus der Zen-Meditation und anderen meditativen Praktiken bekannt ist, um eine psychische Veränderung zu bewirken, die dem Kendoka sowohl körperliche als auch geistige Gelassenheit verleiht.

Auf höchstem Kendo-Niveau stehen die Übenden vor der Herausforderung, nicht nur den äußeren, körperlichen Aspekt ihrer Kendo-Technik zu wahren, sondern auch die inneren, psychischen Aspekte. Auf dieser Stufe – wenn Kendoka darum ringen, die seltenen Zen-Bewusstseinszustände des Fudōshin (ungefesselter Geist), des Heijōshin (unerschütterlicher Geist) oder des Zanmai (völlige Versenkung) zu erreichen und zu halten – lässt sich mit gutem Grund sagen, dass die Unterscheidung zwischen Körperlichem und Geistigem aufhört zu bestehen, und dass das Erlangen eines solchen Zustands in Wahrheit das letzte Ziel der Kendo-Übung ist.

In dieser Ausgabe habe ich die Rolle der Atemtechnik im freien Üben auf hohem Niveau untersucht und festgestellt, dass sie zum einen auf taktischer Ebene wirkt, zum anderen aber grundlegend mit dem größeren Zweck des Kendo als einem Michi verknüpft ist: einen ganzheitlichen geistigen Wandel im Übenden zu bewirken. In der nächsten Ausgabe werde ich den Fokus vom Shinai-Kendo weg auf die Atmung in der Kendo-Kata verlagern.

1 Tsuboi Shigeyuki, Gokui – Seishin to Nikutai no Dorama – Budo, S. 177.

2 Watanabe Shigeo, Kendo no Rekishi to Tetsugaku, S. 25.

3 Tsuboi, S. 176.

4 Baba Kinji, Kendo – Gijutsu no Dento, S. 67.

5 Ishihara Tadami und Okamura Tadanori, Relaxed Breathing Deepens Your Kendo, in: Kendo Jidai, Dezember 1998, S. 36–41.

6 Ebd.

7 Ebd.

8 Mitsuhashi Shuzo, Fudochi, S. 142.

9 Oya Minoru, Kendo ni Okeru Kokyu no Shomondai, S. 21.

10 Ebd.

11 Tanita Saichi, Kendo Shinzui to Shidoho Saisetsu, S. 220.

12 Sato Tsuji und Takao Shigefumi, Budo no Shinzui, S. 113.

13 Sato Ukichi, Einaru Kendo, S. 215.